Virtuelle Ausstellung – Der Adler Roms II

Teil II – Der Aufstieg Carnuntums

 

Carnuntum - Truppenstandort und Provinzhauptstadt

Mit der Errichtung des Legionslagers um 50 n. Chr. durch die legio XV Apollinaris setzte auch die Siedlungsentwicklung in Carnuntum ein, und es wurde der Grundstein für den Aufstieg zur späteren Metropole gelegt. Am Kreuzungspunkt zweier Haupthandelswege, der Donau und der Bernsteinstraße gelegen, spielte Carnuntum über Jahrhunderte eine dominante Rolle in der Sicherung der römischen Grenze am mittleren Donauabschnitt.

Zahlreiche Zivilpersonen, die in engen wirtschaftlichen Kontakten zum römischen Heer standen oder familiäre bzw. persönliche Beziehungen zu einzelnen Soldaten unterhielten, ließen sich in unmittelbarer Nähe des Lagers nieder. Damit entstand die Lagervorstadt (canabae legionis), die zur Zeit ihrer größten Ausdehnung während der severischen Dynastie Ende des 2. und Anfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. eine Bebauung von ca. 120 Hektar umfasste. Westlich davon entwickelte sich bereits gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein städtisches Gemeinwesen nach dem Vorbild römischer Städte Italiens. Zur Blütezeit bedeckte die Bebauung dieser Zivilstadt eine Fläche von rund 67 Hektar. Im Vorfeld entwickelten sich ausgedehnte Vorstädte.

Nach der Teilung der wohl unter Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) eingerichteten Provinz Pannonien in Pannonia superior und Pannonia inferior unter Kaiser Traian im Jahr 106 n. Chr. wurde Carnuntum zur Hauptstadt der Provinz Pannonia superior und war damit auch Sitz des Provinzstatthalters (legatus Augusti pro praetore). In der Regierungszeit von Kaiser Hadrian (117-138 n. Chr.) wurde der Zivilstadt das Stadtrecht verliehen (municipium Aelium Karnuntum), und unter Septimius Severus, der 193 n. Chr. in Carnuntum zum Kaiser ausgerufen worden war, folgte die Erhebung zur colonia (colonia Septimia Aurelia Antoniniana Karnuntum).

Carnuntum war wiederholt Aufenthaltsort römischer Kaiser und Stätte wichtiger politischer Entscheidungen. Auch als durch die Neugliederung Pannoniens unter Kaiser Diokletian um 300 n. Chr. die zivilen Verwaltungsagenden aus Carnuntum nach Savaria (Szombathely/Ungarn) verlagert wurden, verblieb das militärische Oberkommando mit dem Dux Pannoniae primae, der nun auch die Truppen in der westlichen Nachbarprovinz Noricum ripense befehligte, bis zur Aufgabe der Provinz Pannonien im Jahr 433 n. Chr. in Carnuntum.

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Das Carnuntiner Legionslager wurde bereits in den Jahrzehnten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges großflächig untersucht. Die Entdeckung des sogenannten Auxiliarkastells am Ostrand von Petronell-Carnuntum glückte erst in den 1970er-Jahren. Dieses Reiterlager beherbergte ausschließlich berittene Truppen, die zur Unterstützung der vorwiegend aus Fußsoldaten bestehenden Legionäre in Carnuntum stationiert waren. Unweit des Legionslagers befanden sich im Osten das militärische Amphitheater sowie im Westen der Übungsplatz der Legion (campus) und der Palast des Statthalters. Erst seit kurzem sind die Kasernen der Statthaltergarde (castra singularium) bekannt, die im Süden an den Statthalterpalast (praetorium) anschließen.

 

Legionslager

Das Carnuntiner Legionslager ist als eines der wenigen unverbauten militärischen Großanlagen an der römischen Rhein- und Donaugrenze ein archäologisches Denkmal von überregionaler Bedeutung. Das knapp 18 Hektar große Lager befand sich in erhöhter Position unmittelbar am südlichen Hochufer der Donau. Die unregelmäßig verlaufende Lagermauer mit dem vorgelagerten Grabensystem richtete sich am natürlichen Geländerelief aus. Drei der vier Lagertore sind ergraben, nur das Nordtor (porta praetoria) ist, gemeinsam mit großen Teilen der nördlichen Lagerbegrenzung, der Hangerosion zum Opfer gefallen.

Von den Innenbauten kennen wir die principia (das administrative und sakrale Zentrum des Legionslagers) sowie die luxuriöse Unterkunft des Legionskommandeurs. Mit rund 6.350 m² war das Lagerlazarett (valetudinarium) flächenmäßig das größte Gebäude im Carnuntiner Legionslager. Die Garnison verfügte auch über mehrere größere Wirtschaftsbauten, die als Werkstätten und Magazine für die Ausrüstung und Versorgung der Truppe zu sorgen hatten. Die sechs Militärtribunen waren in eigenen Wohnhäusern im vorderen Teil des Lagers (praetentura) untergebracht. Den größten Teil der Innenfläche nahmen die Mannschaftsunterkünfte für die rund 6000 Mann starke Truppe ein.
Neben Bauinschriften haben sich auch kleine Bauquader erhalten, welche jeweils eine Zenturie nennen, die vermutlich einen bestimmten Bauabschnitt bei der Errichtung der Lagermauer ausgeführt hatte.


Campus

Der campus, das militärische Übungsareal der Legion, liegt knapp 100 Meter südlich des Legionslagers. Es handelt sich um eine Platzanlage aus mehreren Bauphasen, die von langgestreckten Säulenhallen (Portiken) und geschlossenen Hallen eingefasst wird. Die Gesamtausdehnung des älteren campus I kann auf ca. 133 × 159 Meter rekonstruiert werden. Im Gegensatz zum Nachfolgebau besitzt campus I dieselbe Orientierung wie die Kasernen der Statthaltergarde.

Campus II ist mit einer Gesamtfläche von knapp 4 Hektar deutlich größer, nach Südwesten versetzt und unterschiedlich orientiert. Als Südostabschluss des gesamten Baukomplexes fungiert eine hinter einer Portikus gelegene, monumentale Übungshalle (basilica exercitatoria). Sie verfügt über zwei massive, eingestellte halbkreisförmige Raumabschlüsse (Apsiden), die in einer Entfernung von rund 150 Metern die Schmalseiten der Halle begrenzen. Für das Training im Freien diente ein mit mehreren Brunnen ausgestatteter Platz von ca. 133 × 169 Meter Größe.

Der campus mit seinen Portiken und gedeckten Hallen stellte sicher, dass die römischen Legionäre – wie in der antiken Literatur bei Vegetius beschrieben – auch bei Regen bzw. im Winter ihr militärisches Übungsprogramm abwickeln konnten.

 

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Bauquader aus der Zenturie des Cassius Aelianus

 

Statthalterpalast
    
Unmittelbar westlich des Legionslagers lag am Donauhochufer der Palast des Statthalters (praetorium). Von hier aus übte der Statthalter (legatus Augusti pro praetore) seit der Einrichtung der Provinz Pannonia superior in trajanischer Zeit seine Amtsgeschäfte aus. Soldaten spielten im Stab des Provinzstatthalters für Verwaltungs- und Polizeiaufgaben, Kurierdienste und als Gardetruppen eine große Rolle.

Von dem Gebäudekomplex haben sich wegen der anhaltenden Hangerosion nur geringe Reste erhalten. Bei den Ausgrabungen vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges konnten mehrere mit Bodenheizung, Mörtelestrich und Wandmalerei ausgestattete Räume freigelegt werden. Eine verlässliche Einschätzung der Größe des Carnuntiner Statthalterpalastes ist heute nicht mehr möglich. Aufgrund von Analogien in anderen Provinzen kann man davon ausgehen, dass die Gesamtanlage zu den größten Gebäudekomplexen in der Carnuntiner Lagervorstadt (canabae) zählte.

Die Identifizierung der erhaltenen Gebäudereste als Statthaltersitz ist aufgrund zweier Inschriften gesichert. Im Umfeld der Gebäuderuinen fanden sich zum einen ein Statuenpostament für Aequitas (Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit) sowie ferner eine Epona-Weihung (Göttin der Pferde), die von Angehörigen des statthalterlichen Fuhrparks gestiftet worden war.


Castra Singularium - die Kasernen der Statthaltergarde

Zu den Neuentdeckungen der letzten Jahre zählen die Kasernen der Statthaltergarde, die südlich an den Statthalterpalast, nur durch die Limesstraße voneinander getrennt, anschlossen. Mithilfe von geophysikalischen Messungen war es möglich, die Gesamtausdehnung dieses ca. 1,8 Hektar großen Steinlagers zu dokumentieren, in dem die Gardetruppen des Statthalters, die pedites und equites singulares, untergebracht waren.

Die castra singularium sind nach Osten Richtung Legionslager hin ausgerichtet und nicht, wie bei den meisten Limeskastellen üblich, zum Fluss hin orientiert. Die Kasernen sind von einer ca. 1,8-2,0 Meter breiten Mauer eingefasst, die aber anscheinend keine Eck- und Zwischentürme aufweist. Im Bereich des südlichen Tores (porta principalis dextra) kann man im Messbild je eine turmartige Verbreiterung der Mauer beidseits der Toreinfahrt erkennen. Eine weitere Besonderheit ist das Fehlen eines Verteidigungsgrabens vor der Kasernenmauer.

An Innengebäuden kann man sechs bis sieben Mannschaftsbaracken mit Kopfbauten (Offiziersunterkünften) und Doppelkammern (contubernia ) für die Unterbringung der Soldaten identifizieren, ferner ein Zentralgebäude (principia) und weitere Gebäude unbekannter Funktion.


Amphitheater

Die nordöstliche Lagervorstadt stand schon sehr früh im Fokus der archäologischen Forschung, weil sich hier, rund 110 Meter vom Legionslager entfernt, der prominente Bau des militärischen Amphitheaters befindet. Für den Bau wurde eine nördlich der Limesstraße gelegene, sich zur Donau hin öffnende Geländemulde ausgenutzt. Die Ausgrabungen im Amphitheater setzten bereits im Jahr 1886 ein.

Die damals freigelegten Grundrisse der Arena, des Zuschauerbereichs (cavea) und der beiden Eingangstore können besichtigt werden. In den letzten Jahren kam es im Zuge von konservatorischen Maßnahmen zu weiteren Nachuntersuchungen, die unter anderem auch ein westlich angeschlossenes Nemesis-Heiligtum betrafen und zur Auffindung einer aus den frühen 70er-Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. stammenden Bauinschrift führten. Auf diesen Inschriftfragmenten wird die legio XV Apollinaris als Baueinheit genannt. Insbesondere die im Nemesis-Heiligtum aufgefundenen Inschriften beleuchten schlaglichtartig den enormen Stellenwert des Amphitheaters im Leben der Soldaten.

 

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Nemesis ist bekannt als römische Göttin der Amphitheater, Beschützerin des Circus, der Athleten und der Gladiatoren. Von Osten her scheinen die Soldaten ihre Verehrung bis an den Donau-Limes verbreitet zu haben. In Pannonien erscheint sie meist in einer besonderen Form, als kurz beschürzte Jägerin, der in einer Inschrift einmal ausdrücklich der Name Diana Nemesis gegeben wird. Ihre überlieferten bildlichen Darstellungen sind sehr selten, in Österreich gibt es davon lediglich 4 Stück. Bei der hier in Carnuntum gezeigten Darstellung, handelt es sich um eine Statue aus einem ihr gewidmeten Raum im Amphitheater.

 

Auxiliarkastell

Ein topographischer Fixpunkt in der westlichen Lagervorstadt ist das Auxiliarkastell für eine 500 Mann starke Reitereinheit, das im Zwickel zwischen der Gräberstraße und der Limesstraße angelegt wurde. Man kann vier Bauperioden unterscheiden: ein älteres, ca. 178 x 225 Meter großes Holz-Erde-Lager (Kastell 1), das in domitianischer Zeit Ende (81-96 n.Chr.) errichtet wurde und gegen das nordöstlich gelegene Legionslager hin orientiert war. Im früheren 2. Jahrhundert n. Chr. entstand ein neues, nun zur Donau hin ausgerichtetes, ca. 178 x 205 Meter großes Lager in Stein (Kastell 2), das von der ala I Thracum victrix bezogen wurde.

Nach einer vorübergehenden Nutzung als Versorgungs- und Nachschublager im fortgeschrittenen 2. Jahrhundert n. Chr. (Kastell 3) wurde das Kastell um 200 n. Chr. ein letztes Mal umgebaut und blieb bis etwa zur Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. als militärischer Stützpunkt in Verwendung (Kastell 4).
Im Kastellinneren konnte man eine Nachnutzung im Kommandantenhaus nachweisen, wo man einen tiefen Brunnen erst später zuschüttete. Auch das Kastellbad bestand als aufrecht stehendes Bauwerk noch bis weit in das 4. Jahrhundert n. Chr. hinein und dürfte dann durch ein Erdbeben schwer in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

 

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Anhänger vom Pferdegeschirr mit Ritzzeichnung



Temporäre Lager
    
Durch geomagnetische Messungen ab den 1990er-Jahren konnten im Vorfeld von Carnuntum mittlerweile 20 bisher unbekannte Militärlager nachgewiesen werden.

In den Messdaten sind ausschließlich die Umwehrungsgräben sichtbar. Kennzeichnend ist ein Grundriss im Spielkartenformat, d.h. die Umwehrungen beschreiben ein Rechteck oder ein Parallelogramm mit abgerundeten Ecken. Diese Eigenschaften sind charakteristisch für temporäre römische Militärlager, die im Gegensatz zu den Standlagern (Legionslager, Auxiliarkastell) als Feldlager nur für eine kurzfristige Unterbringung von Truppen etwa in Form von Zelten vorgesehen waren.

Aufgrund der variierenden Größe, die zwischen 0,72 und 10,78 Hektar schwankt, ist davon auszugehen, dass diese temporären Militäranlagen unterschiedliche Funktionen erfüllten. Die größeren waren sicher nicht für eine einzige Auxiliareinheit oder eine Legionskohorte vorgesehen, sondern sie könnten eine größere Heeresgruppe (vexillationes) – sei es nun ein reiner Legionärsverband oder eine aus Auxiliaren und Legionären zusammengesetzte Einheit – als Besatzung umfasst haben.

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Teil eines Pferdegeschirrs

 

Wir hoffen der zweite Teil hat Ihnen gefallen. Hier geht es zurück zum ersten Teil. Das nächste Mal geht es unter anderem um die militärische Geschichte Carnuntums. Abonnieren Sie unseren Newsletter oder folgen Sie uns auf Facebook um kein Update zu versäumen!

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