Die Norisch-pannonische Tracht

Die norisch-pannonische Tracht war eine regionalspezifische Besonderheit der weiblichen Bekleidung in den Provinzen an der mittleren Donau im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr.

Das Römische Reich, in seiner enormen Größe von Britannien und Gallien im Westen bis Ägypten und Syrien im Osten, bot Raum für viele regionale Tracht- und Bekleidungsformen - seine BewohnerInnen waren keinesfalls einheitlich gekleidet. Besonders starke Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen gab es bei der Bekleidung von Frauen. Diese Regionaltrachten ermöglichten beispielsweise auf den ersten Blick eine Unterscheidung zwischen einer Dame aus dem römischen Gallien oder aus dem syrisch-palmyrenischen Raum. Für die Provinzen an der mittleren Donau, also auch für die Gegend um Carnuntum, entwickelte sich im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. ein weiblicher Bekleidungsstil, der heute unter dem Begriff „Norisch-pannonische Tracht“ zusammengefasst wird. 

 

Besonders auffallend sind dabei verschiedene Kopfbedeckungen, ein Übergewand, das an den Schultern von zwei Fibeln (große Gewandspangen) zusammengehalten wurde und eine ausgeprägte Gürtelmode. Als besonders anschauliches Beispiel dafür findet sich in einer Darstellung auf dem Grabstein der Umma, aktuell zu sehen in der Ausstellung „Der Adler Roms“ im Archäologischen Museum Carnuntinum. Ergänzend dazu gab es aufwändig gestalteten Brustschmuck wie Ketten, Fibeln, Zierscheiben und Anhänger. Archäologen können diese Frauentracht über Originalfunde aus Gräbern sowie durch bildliche Darstellungen auf Grabsteinen sehr gut rekonstruieren. Im Raum Carnuntum ist auffällig, dass sich Belege für diese Frauentracht nicht so sehr aus dem engeren Stadtbereich, sondern vor allem im Hinterland der antiken Metropole wiederfinden. Insbesondere Damen aus der ortsansässigen Bevölkerung Nordwestpannoniens bedienten sich dieser Tracht, um ihren sozialen Status in einem ländlich-agrarischen Umfeld zu demonstrieren.

Grabstein der Umma, aktuell zu sehen in der Ausstellung „Der Adler Roms“ im Archäologischen Museum Carnuntinum


Dabei ist zu beachten, dass unter den Grabfunden meist nur Metallteile die Jahrhunderte überdauert haben- wie beispielsweise Fibeln oder Bestandteile des Gürtels (Schnallen, Beschläge, etc.)- während Textilien kaum erhalten sind. Somit kann über die verwendeten Stoffe und deren Farbgestaltung keine Aussage getroffen werden. Auf den Grabporträts sind die Damen mit einer turbanartig aufgebauten Kopfbedeckung (norisch-pannonische Haube) oder einer sogenannten Modiusmütze, die wohl aus Filz bestand, zu sehen.

Erschwerend für die Rekonstruktion der Frauentracht in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ist auch die damals ausgeübte Brandbestattung, bei der die Toten eingeäschert und ihre Überreste in Urnen oder einfachen Grabgruben beigesetzt wurden. Eine Ausnahme bildet das Gräberfeld Potzneusiedl (Burgenland), wo erstmals eine größere Anzahl von Skelettgräbern dieser Zeit entdeckt wurde. Die gefundenen Grabbeigaben verdeutlichen ferner wirtschaftliche und kulturelle Kontakte in den norddanubischen Raum sowie in den Süden nach Oberitalien.

(Bild 3 u. 4 s. Gräberfeld Potzneusiedl – Analyse einer Körpergrabgruppe früher Pannonier, L. Formato)

 

Weblinks:
Dokumentation von norisch-pannonischen Trachtbestandteilen im Rahmen der Webplattform www.cfir.science
Gräberfeld Potzneusiedl – Analyse einer Körpergrabgruppe früher Pannonier (L. Formato): https://www.oeaw.ac.at/antike/forschung/monumenta-antiqua/grenzraeume/die-norisch-pannonische-tracht/graeberfeld-potzneusiedl/


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