Tierknochen zählen zu den häufigsten Funden bei Ausgrabungen. Sie geben uns einen Einblick in die Tierhaltung sowie in die Lebenswelt in vergangenen Epochen.

Tierknochen als Schlüssel zum Alltagsleben

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast

Tierknochen zählen zusammen mit Keramikfragmenten zu den häufigsten Funden bei archäologischen Ausgrabungen. Sie spielen nicht nur eine wichtige Rolle, um Ernährungsgewohnheiten zu rekonstruieren, sondern geben uns auch einen Einblick in die Tierhaltung und -zucht sowie in die alltägliche Lebenswelt in vergangenen Epochen.

Gerade für die römische Zeit erlaubt das oftmals reiche archäozoologische Fundmaterial zahlreiche Fragen zu Tier-Menschbeziehungen und menschlichen Verhaltensweisen zu diskutieren. Viele schriftliche und bildliche Darstellungen lassen zudem Rückschlüsse auf das Handwerk in damaliger Zeit zu, wie etwa der Fleischhauerei und der Fleischverarbeitung. Tierknochenfunde, die gerade in städtischen Kontexten vielfach in großen Mengen freigelegt werden, geben als wichtige direkte Quelle Auskunft über die Nutzung  und Haltung von Tieren im antiken Alltagsleben, welche zudem in römischen Texten und Abbildungen nicht thematisiert werden.

Das große Forschungsfeld der Archäozoologie

Als Teilbereich der Bioarchäologie befasst sich die Archäozoologie mit wichtigen Themen und Fragestellungen der Menschheits- und Umweltgeschichte. Unter dem Terminus „Archäozoologie“, versteht man die Untersuchung tierischer Überreste, die auf archäologischen Fundplätzen, vor allem bei Grabungen, zu Tage kommen. Zu diesen Fundgattung zählen in erster Linie Tierknochen, die unter dem archäozoologischen Material zu einer der häufigsten Fundgruppen gehören, aber auch Schalenfragmente von Mollusken und eierlegenden Tierarten und, unter bestimmten Erhaltungsbedingungen, auch Tiermumien, Federn oder Fell-, Leder- und Hornreste.

Ziel bei diesen Forschungen ist es, die Interaktion von Mensch und Tier sowie die Folgen dieser Beziehung für die Umwelt näher zu beleuchten. Neben den genutzten Tierarten kann man u.a. Rückschlüsse auf die Schlachtpraktiken oder weitere wirtschaftliche Nutzungen von Tieren ziehen, jedoch auch teils das Aussehen der Tiere rekonstruieren. Allerdings sind diese Aussagemöglichkeiten der Tierknochenfunde auch von verschiedenen Einflüssen abhängig, so ist beispielsweise der Erhaltungszustand der Überreste von großer Bedeutung. Je kleiner die Knochenfragmente sind, desto kleiner ist möglicherweise der Informationsgewinn.

Archäozoologische Forschungen in Carnuntum

Obwohl tierische Überreste zu einer der größten Fundgattungen auf Ausgrabungen zählen, fanden sie erst spät als bedeutende Wissensquelle Beachtung. Ab der Mitte des 19. Jh. wurden erste Untersuchungen an Tierknochen von archäologischen Fundplätzen durchgeführt. Zu dieser Zeit gewinnen archäozoologische Forschungen an Bedeutung, obwohl diese immer noch erst vereinzelt durchgeführt wurden. Ab den 60er-Jahren des 20. Jh. stieg die Anzahl an Studien (auch in Österreich) deutlich an, ab diesen Zeitpunkt etablierte sich die Archäozoologie als bedeutender Bestandteil in der archäologischen Forschung.

Auch in Carnuntum sind Aufzeichnungen zu Tierknochenfunden von der Mitte des 19. Jh. bekannt, so werden zu jener Zeit bereits Überreste von Vögeln aus einem Mithras-Heiligtum beschrieben. Neben Untersuchungen zu den militärischen Bereichen Carnuntums ist in den letzten Jahren die Erforschung von archäozoologischen Funden aus der Zivilstadt immer mehr in den Vordergrund getreten. Etwa sind u.a. bereits Teile der Therme, der Weststraße sowie von „Haus 3“ südlich der Südstraße bearbeitet worden. Zuletzt wurden ausgewählte Tierknochenfunde aus „Haus 2“, dem Haus des Lucius, genauer untersucht.

 

Tierknochenfunde aus dem „Haus des Lucius“

Im Zuge der letzten archäozoologischen Untersuchungen im Bereich der Südstraße, wurden Tierknochen auf der Parzelle „Haus 2“, besser bekannt als Haus des Lucius, bearbeitet. Bei diesem Projekt standen die vielfaltigen Aussagemöglichkeiten des archäozoologischen Fundmaterials zu Konsumverhalten, sprich Ernährung und Verwendung der tierischen Rohstoffe, und dem Umgang mit tierischen Abfallprodukten im Vordergrund. Die Gebäudeparzelle von „Haus 2“ wurde in den Jahren 2003 bis 2005 im sog. Spaziergarten des Freilichtmuseums Römerstadt Carnuntum fast vollständig freigelegt. Es konnten fünf Nutzungsphasen vom späten 1. Jh. bis zum Anfang des 5. Jh. n. Chr. rekonstruiert werden. Das Areal liegt zwischen den Bauten „Haus 1“ (Haus des Ölhandlers) und „Haus 3“ an der sog. Südstraße nahe der Stadtgrenze im Süden der Zivilstadt und wurde in sowohl wirtschaftlich wie auch wohnbaulich genutzt.

Die analysierten Knochenfunde zeigen, dass es sich zu einem großen Teil um Schlachtabfälle von den typischen landwirtschaftlichen Nutztieren der Region in römischer Zeit handelte, ins besonders von Rind, Schwein und Schaf. Zu den üblichen Haustierarten, worunter ebenso Hunde und Equiden fallen, wurden ebenso Knochenfragmente von Wildtieren gefunden, zu denen im Falle von „Haus 2“ z.B. auch Bärenknochen zählen. Die Überreste dieser Tierarten offenbaren Einblicke in die Nutzung der Tiere als Fleischlieferanten und die damaligen Essensgewohnheiten: einige Knochen zeigen typische Schlacht- und Schnittspuren, welche u.a. für die Herstellung von Selchereiprodukten und weiteren kulinarischen Spezialitäten zeugen. So wurden anscheinend sowohl Selchrippen vom Rind als auch gegrillte Rindermäuler auf dem Areal von „Haus 2“ konsumiert.

Neben den typischen Schlacht- und Speiseabfällen wurden darüber hinaus Hinweise auf eine wirtschaftliche Weiternutzung der Tierkörper gefunden: einzelne Knochenanreicherungen zeugen von möglichen Hornverarbeitungs- und Gerbereitätigkeiten, genauso finden sich potenzielle Produktionsabfälle einer Leimsiederei. Auch in Bezug auf das Abfallverhalten der Römer und die Gewohnheiten der damaligen Zeit geben die Tierknochenfunde Aufschluss. Aus einer räumlichen Analyse zeigt sich, dass größere Mengen an tierischem Abfall, d.h. großteilig erhaltene Knochen, wie z.B. im Verband verbliebene Extremitäten, bevorzugt in Straßennähe deponiert wurden, während im Gebäudebereich vermehrt nur kleinere Mengen an Knochenfragmenten gefunden wurden.

Tierische Überreste helfen uns zusammen mit den weiteren Funden bei archäologischen Untersuchungen einen Einblick in die antike Lebenswelt, seien es Ernährungsgewohnheiten, sei es der Umgang mit Abfällen, zu erhalten – so auch im Bereich der Südstraße in der Zivilstadt von Carnuntum. Da das vielfältige Aussagepotential noch längst nicht ausgeschöpft ist, können zukünftige archäozoologische Forschungen noch weitere Aufschlüsse zum antiken Alltagsleben geben.

Literaturverzeichnis:

Baier 2008
C. Baier, Frühe Baubefunde im Areal von Haus 2 der Zivilstadt Carnuntum, in: G. Grabherr – B. Kainrath (Hrsg.), Akten des 11. Österreichischen Archäologentages in Innsbruck. 23.–25. März 2006, IKARUS 3 (Innsbruck 2008) 27–36

Baier u. a. 2008
C. Baier – F. Humer – A. Konecny, Zivilstadt Carnuntum - Haus II. Die Grabungen im römischen Stadtviertel des Archäologischen Park Carnuntum in den Jahren 2003 – 2005, CarnuntumJb 2007, 2008, 177–230

Benecke 1994
N. Benecke, Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung (Stuttgart 1994)

Kirchengast 2019
N. I. Kirchengast, Tierknochen im Kontext. Eine befundorientierte Analyse von archäozoologischem Fundmaterial am Beispiel von „Haus 2“ in der Zivilstadt von Carnuntum (Universität Wien 2019)

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Peters 1998
J. Peters, Römische Tierhaltung und Tierzucht. Eine Synthese aus archäozoologischer Untersuchung und schriftlich-bildlicher Überlieferung, Passauer Universitätsschriften zur Archäologie 5 (Rahden 1998)

Reitz – Wing 2008
E. J. Reitz – E. S. Wing, Zooarchaeology, Cambridge Manuals in Archaeology (New York 2008)

Schmitzberger 2009
M. Schmitzberger, Haus- und Jagdtiere im Neolithikum des österreichischen Donauraumes (Dissertation Universität Wien 2009)

von Sacken 1853
E. von Sacken, Über die neuesten Funde zu Carnuntum. Besonders über die Reste eines Mithraeums (Wien 1853)

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