Wissenschaft

Beyond patriarchy – Weibliche Lebenswelten in Carnuntum

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
Römische Matronen in bunten Tuniken stehen und sitzen vor Portikus und schauen in die Kamera.

Der Weltfrauentag ist ein geeigneter Anlass, vertraute Narrative zu hinterfragen. „Frauen in der römischen Antike“ erscheint oft wie ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichtsschreibung. Tatsächlich wirft es jedoch zahlreiche Fragen auf: Erzählen wir Geschichte als Abfolge politischer Ereignisse und männlicher Eliten – oder als komplexes Geflecht sozialer Praktiken, rechtlicher Rahmenbedingungen und individueller Lebensverläufe?

Wer nach „der“ Römerin fragt, stößt rasch an Grenzen. Eine einheitliche weibliche Lebensform existierte nicht. Status, Herkunft, Vermögen, Alter und familiäre Einbindung strukturierten Handlungsspielräume weit stärker als das Geschlecht allein. Die römische Gesellschaft war patriarchal organisiert; dennoch konnten weibliche Lebensrealitäten zwischen rechtloser Versklavung und beträchtlicher ökonomischer oder symbolischer Wirkmacht variieren.

Römische Matronen halten sich Fächer über den Kopf gegen die Sonne, sie tragen bunte Tuniken.
© A. Hofmarcher

Matronen beim Spätantikenfest 2021 in Carnuntum - © A. Hofmarcher 

Zwischen Ideal und Alltag

In den römischen Wertevorstellungen zeigt sich das Ideal der sogenannten Matrona in Tugenden wie dignitas (Würde) und pudicitia (sittliche Integrität). Hinzu kamen Haushaltsführung, Sorge für Kinder und familiäre Stabilität. Dieses Ideal war kein rein privates Moralprogramm, sondern ein öffentliches Ordnungsversprechen. Eine „gute“ Ehefrau garantierte – aus römischer Perspektive – die Stabilität der domus und damit der sozialen Ordnung insgesamt.

Gleichzeitig zeigen archäologische und epigraphische Quellen, dass „reale“ Frauen nicht ausschließlich auf den häuslichen Raum beschränkt waren. Sie konnten Vermögen besitzen, erben, Werkstätten führen, Handel betreiben oder als Stifterinnen auftreten. Ihre Handlungsspielräume waren jedoch strukturell kontingent. Rechtliche Autonomie war häufig an männliche Vormundschaft gebunden; selbst Befreiungen – etwa im Rahmen des ius liberorum – setzten die Erfüllung staatlich normierter Reproduktionsziele voraus. Autonomie war selten ein abstraktes Recht, sondern Ergebnis sozialer Konstellationen.

Zwei römisch gekleidete Frauen unterhalten sich
© (c) A. Achtsnit

Römische Matronen auf den Straßen Carnuntums - © A. Achtsnit

Reproduktion und soziale Kontrolle

Die römische Bildwelt wirkt bei intimen Themen auf heutige Betrachterinnen und Betrachter mitunter überraschend explizit. Doch Sichtbarkeit bedeutete keine moderne „Liberalisierung“: Sexuelle Beziehungen waren strikt statusgebunden. Während männliche Handlungsspielräume relativ weit gefasst waren, blieb weibliche Sexualität normativ an Ehe, Abstammungssicherung und Haushaltsdisziplin gebunden. Sexarbeit war Teil der sozialen Realität, meist jedoch unter Bedingungen von Zwang oder ökonomischer Abhängigkeit. Der weibliche Körper war nicht nur moralisch kodiert, sondern in ökonomische Logiken eingebunden. Mutterschaft war zudem ein permanentes Risiko. Schwangerschaft und Geburt waren potenziell lebensbedrohlich; hohe Mütter- und Kindersterblichkeit prägten den demographischen Alltag. Hinter dem römischen Familienideal stand daher ein Gefühl grundlegender Unsicherheit.

Römerin in blauer Tunika an einem Tisch sitzend beim Handarbeiten.
© Römerstadt Carnuntum

Frau in römerzeitlicher Tracht am Römerfest 2025 in Carnuntum  - © T. Mauerhofer 

Gender Reveal im Grab?

Im archäologischen Kontext werden Frauen häufig über materielle Marker identifiziert: über Trachtbestandteile, Schmuckensembles, Haartracht, Spinnwirtel, Webgewichte oder andere Geräte der Textilverarbeitung. Solche Zuschreibungen beruhen auf wiederkehrenden Mustern in Gräbern, Bilddarstellungen und Funden aus Siedlungen. Methodisch ist das nachvollziehbar – doch zugleich problematisch. Denn Kleidung und Handarbeitsutensilien spiegeln kulturelle Rollenbilder ebenso wie reale Tätigkeiten. Sie zeigen, wie Weiblichkeit inszeniert oder normativ erwartet wurde, nicht zwangsläufig, was eine konkrete Person tatsächlich tat. Bioarchäologische Analysen, Inschriften oder ökonomische Kontexte erweitern dieses Bild: Frauen erscheinen als Unternehmerinnen, Stifterinnen, Händlerinnen, Priesterinnen oder in militärischen Grenzräumen als Teil komplexer Mobilitätsnetzwerke. Archäologie muss daher vorsichtig sein, nicht aus einzelnen Objektgruppen vorschnell soziale Identitäten abzuleiten. Frauen lassen sich nicht auf Schmuck und Spinnrocken reduzieren – daher ist es wichtig sich unter verschiedenen Gesichtspunkten der materiellen Kultur als Ausdruck von Geschlechtsidentitäten zu nähern.

    Römische Funde aus Carnuntum: Haarnadel (Inv.-Nr. CAR-OR-118), Spiegelscheibe mit Reliefverzierung (Inv.-Nr. CAR-M-4159), Ohrring (Inv.-Nr. CAR-M-3600) und  Spinnwirtel (Inv.-Nr. CAR-K-3576) - © Landessammlungen NÖ

    Who’s that chick? – Vier Carnuntinerinnen auf der Spur

    Gerade in einer Metropole wie Carnuntum lassen sich unterschiedliche weibliche Lebenswelten exemplarisch fassen. Münzen und Grabdenkmäler vermitteln keine unmittelbaren „Abbilder“, wohl aber wichtige soziale Informationen, aus denen wir vier Carnuntinerinnen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten etwas genauer fassen können:

    1. Sulpicia Dryantilla – Herrschaftsrhetorik unveiled

    Münze, Avers: SVLP(icia) DRYANTILLA AVG(usta)
Drapierte Büste mit Diadem nach rechts.
    © Landessammlungen NÖ

    Für wenige Monate im Jahr 260 n. Chr. wurde Carnuntum zur Bühne einer Machtübernahme: Regalianus, vermutlich Statthalter oder militärischer Befehlshaber, ließ sich nach der Gefangennahme Kaiser Valerians zum Kaiser ausrufen. Um diese Erhebung zu legitimieren, wurden sofort Münzen geprägt – nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau Dryantilla. 
    Dass Dryantilla auf Münzen erscheint, ist mehr als „Kaisergattin-Dekor“. Münzbilder sind staatliche Kommunikation im Kleinformat: Sie schaffen Öffentlichkeit, behaupten Ordnung, erzeugen Loyalität. Dryantilla ist damit ein Beispiel dafür, wie Frauen im römischen Machtapparat sichtbar werden konnten – allerdings häufig als Teil einer Legitimationsstrategie, nicht als Akteurinnen mit eigenem institutionellen Zugriff. Das „Pro“ solcher Sichtbarkeit ist evident: symbolisches Kapital, öffentliche Präsenz, Einbindung in Herrschaftsrhetorik. Das „Contra“ ist ebenso deutlich: Diese Sichtbarkeit ist abhängig vom Status des Mannes und vom politischen Erfolg, der hier ausblieb.

    Antoninian des Regalianus für Dryantilla (Avers, Inv.-Nr. CAR-N-38376) - © Landessammlungen NÖ 

    2. Augustania Cassia Marcia – familiärer Verlust hautnah

    Grabstele mit Schiffsdarstellung
    © (C) Landessammlungen NÖ

    Eine der eindrucksvollsten Inschriften aus Carnuntum ist die Grabstele der Augustania Cassia Marcia und ihres kleinen Sohnes Marcus Antonius Augustanius Philetus (3. Jh. n. Chr.), welche heute im Museum Carnuntinum ausgestellt ist. Im Bildfeld ist ein Schiff dargestellt, das den Namen „FELIX ITALA“ trägt; darüber erscheinen der Stifter Marcus Antonius Basilides, seine Frau und das Kind. Die Inschrift ist ein Dokument doppelten Verlustes: Basilides setzt das Denkmal für Ehefrau und Sohn und formuliert Trauer, Liebe und Herkunftssehnsucht. Augustania ist nicht „nur“ Ehefrau. Sie erscheint in einer sozialen Welt des Militärdienstes ihres Mannes (frumentarius der legio X Gemina), Mobilität und familiärer Identität. Das Denkmal erzählt von weiblicher Präsenz in einer durch Männer dominierten Militärlandschaft – und davon, dass „Grenzraum“ nicht nur Garnison, sondern auch Familien- und Gefühlsraum war.

    Grabstele der Augustania Cassia Marcia und deren Sohn Marcus Antonius Augustanius Philetus (Inv.-Nr. CAR-S-725) - © Landessammlungen NÖ

    3. Umma – Lokale Identität in der Provinz

    Grabstele der Umma, Porträt, im Giebel Rosette. Im Hauptbild zwischen Pilastern Brustbild einer einheimischen Frau mit Pelzhut und Flügelfibeln.
    © Landessammlungen NÖ

    Die Porträtstele der Umma (Fundort: Au am Leithaberge; datiert 70–120 n. Chr.) wurde im Hinterland von Carnuntum gefunden und macht eine Personengruppe greifbar, die in der klassischen „Romanisierungs“-Erzählung lange zu wenig Beachtung fand: die einheimische, nicht römisch-bürgerrechtliche Bevölkerung (peregrini). Umma trägt einen einheimischen Namen; die Inschrift nennt sie als Tochter des Tabico, 45 Jahre alt, und nennt den Stifter: Illo, Sohn des Itedo, der das Denkmal „aus eigenem Geld“ für seine Ehefrau setzte. 
    Ikonographisch ist Umma in lokaler Tracht dargestellt (Pelzhut, Flügelfibeln, Rosette im Giebel). Damit wird zweierlei sichtbar: Erstens, dass eine römische Provinz kulturell nicht homogen war. Zweitens, dass weibliche Selbstdarstellung – oder genauer: Darstellung durch Angehörige – nicht zwangsläufig „Romanisierung“ als Aufgabe lokaler Identität bedeutet. Umma ist ein Gegenbild zur Vorstellung, Provinzfrauen seien entweder unsichtbar oder vollständig romanisiert. Hier wird Zugehörigkeit durch bewusste Unterscheidung sichtbar gemacht.

    Porträtstele der Umma (Inv.-Nr. CAR-S-699) - © Landessammlungen NÖ

    4. Primigenia – Erinnerung trotz Versklavung

    Ein Grabstein besitzt eine aufgesetzte Nische, in der sich der Porträtkopf der Verstorbenen befindet. Sie trägt gescheitelte Haare. Über dem Gewand liegt ein Schultermantel. Im Inschriftfeld befindet sich ein Grabgedicht.
    © Landessammlungen NÖ

    Die Grabstele der Primigenia (Mitte 1. Jh. n. Chr.) konfrontiert uns mit einer harten sozialen Realität. Primigenia ist eine Sklavin des Caius Petronius – und trägt, wie für Versklavte typisch, nur einen Namen. Die Stele besitzt eine Nische mit dem Porträtkopf; im Inschriftfeld steht ein Grabgedicht. Es betont, dass Primigenia mit 20 Jahren starb („zweimal zehn Jahre“) und formuliert eine moralische Selbstcharakterisierung (keine „Schwelgerei“, Reinheit des Alters) sowie den Wunsch, der/die Leser:in möge länger und glücklicher leben. Epigraphik ist nie „die Stimme“ der Person, sondern eine kulturell normierte Form der Erinnerung. Und doch zeigt das Gedicht, dass selbst für eine versklavte junge Frau ein Gedenkrahmen existierte, der Individualität, moralische Integrität und Trauer artikuliert. Wir erhalten eine direkte soziale Information über Status, Alter und Formen der Erinnerung. 

    Grabstele der Primigenia (Inv.-Nr. CAR-S-944) - © Landessammlungen NÖ

    Women run the Roman world

    Wer an das Römische Reich denkt, sieht meist Legionen, Kaiser und Gladiatoren vor sich. Frauen kommen in diesen Bildern oft nur am Rand vor – als Ehefrauen, Mütter oder dramatische Nebenfiguren. Doch dieses Bild ist weniger ein Spiegel der Antike als ein Produkt jahrhundertelanger, stark männlich geprägter Geschichtsschreibung. Neuere Zugänge zeigen, wie anders das Imperium wirkt, wenn man den Blick weitet. Plötzlich stehen nicht mehr nur Schlachten und Machtkämpfe im Vordergrund, sondern auch Alltag, Arbeit und Beziehungen. Überlieferungen wie von jenen vier Carnuntinerinnen, erhalten auf Steintafeln oder Münzen, erzählen von gesellschaftlichen Rollen, Identität, Beziehungen und emotionaler Eigenständigkeit.

    Frauen mitzudenken heißt daher nicht, Geschichte neu zu erfinden, sondern sie vollständiger zu erzählen. Das Römische Reich bestand nicht nur aus Kaisern, Politikern und Generälen, sondern ebenso aus Unternehmerinnen, Priesterinnen, Müttern, Freundinnen, Sexarbeiterinnen und Versklavten. Erst wenn auch ihre Lebenswelten sichtbar werden, entsteht ein realistischeres, vielschichtigeres Bild der Antike – eines, das über das Klischee von Macht und Männlichkeit hinausgeht und zeigt, wie vielfältig das Imperium tatsächlich war. 

    © Römerstadt Carnuntum
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