Wissenschaft

Die Zivilstadttherme von Carnuntum – Rekonstruktion eines römischen Stadtbads

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
Liegende Danuvius Statue im frigidarium der Therme, aus dem liegenden Gott fließt Wasser ins Becken.

Öffentliche Bäder zählten zu den zentralen Orten römischer Städte – weit über ihre Funktion als Einrichtungen der Körperpflege hinaus waren sie soziale, kommunikative und architektonisch herausragende Räume urbanen Lebens. Kaum ein Bauwerk verdeutlicht heute diese Vielschichtigkeit so nahbar wie die Therme im Römischen Stadtviertel von Carnuntum. Als eines der bedeutendsten Monumente ihrer Art im heutigen Österreich vereint sie technische Raffinesse, architektonischen Anspruch und soziale Praxis zu einem komplexen Gesamtbild römischer Badekultur. Zugleich zeigt sie exemplarisch, wie archäologische Forschung aus fragmentarischen Befunden ein kohärentes Verständnis antiker Architektur entwickeln kann. 

Historische Aufnahmen des Thermenareals, Mauerstrukturen liegen offen
© Land NÖ

Grabungsareal der Zivilstadttherme vor der Rekonstruktion des Gebäudekomplexes - © Land NÖ

Eine lange Forschungsgeschichte

Die Anlage befindet sich im südöstlichen Bereich der Zivilstadt, in der sogenannten Insula VI, und nimmt dort eine zentrale Position ein. Erste Freilegungen erfolgten bereits in den 1950er Jahren im ehemaligen Spaziergarten des Schlosses Petronell, wobei der Bau früh als Thermenanlage erkannt wurde. Eine differenzierte Analyse von Baugeschichte, Nutzung und Umbauten wurde jedoch erst durch die seit 2001 durchgeführten Untersuchungen möglich. Mit einer Fläche von rund 1.800 Quadratmetern zählt die Therme zu den größten öffentlichen Gebäuden der Zivilstadt und verdeutlicht deren ausgeprägten urbanen Charakter in der Kaiserzeit.

Historische Aufnahme der Thermenbefunde im Römischen Stadtviertel, Heizbögen aus Ziegeln und Mauern
© Land NÖ

Aufnahme des Thermengeländes mit der früheren Teilrekonstruktion vor den Nachuntersuchungen in den 2000er Jahren - © Land NÖ

Ein Areal mit Planung

Bereits die Vorgeschichte des Areals ist bemerkenswert. Unter der späteren Therme konnten Spuren einer frühen Parzellierung nachgewiesen werden, ohne dass sich Hinweise auf eine dichte Wohnbebauung ergeben hätten. Dies deutet darauf hin, dass das Gelände bewusst für eine größere öffentliche Nutzung freigehalten wurde. Die Errichtung der Therme erfolgte vermutlich in hadrianischer Zeit im 2. Jahrhundert n. Chr. und steht damit im Kontext einer gezielten städtebaulichen Entwicklung sowie der fortschreitenden Monumentalisierung des Areals. Die größte Therme der Zivilstadt von Carnuntum war allerdings die sogenannte Forumstherme, die im Volksmund später als „Palastruine“ bezeichnet wurde; auch sie wurde archäologisch untersucht, ist jedoch aus konservatorischen Gründen heute nicht mehr zugänglich.

Außenansicht des Eingangs der römischen Therme. Weiße Säulen stützen das Vordach. Die Sonne blendet über den Dachgiebel.
© RSV

Rekonstruierte Gebäudefassade der Therme mit Eingang und Thermopolien - © T. Mauerhofer 

Wasser, Wärme und Technik

Der Aufbau der Anlage folgt grundsätzlich der klassischen Abfolge römischer Badeanlagen, zeigt jedoch zugleich eine bemerkenswerte Differenzierung. Der Zugang erfolgte von Norden über einen Korridor in einen größeren Vorraum, die sogenannte basilica thermarum, die wohl auch als apodyterium diente. Von dort gelangte man in das frigidarium mit Kaltwasserbecken und anschließend in die beheizten Räume des tepidarium und caldarium. Ergänzt wurde dieser Kernbereich durch weitere Warmräume, darunter ein sudatorium, welche seit der Saison 2026 frisch rekonstruiert zugänglich sind. Diese komplexe Gliederung ermöglichte eine flexible Nutzung der Anlage: Durch die gezielte Steuerung von Durchgängen und Raumfolgen konnte der Badebetrieb an unterschiedliche Bedürfnisse und klimatische Bedingungen angepasst werden. Gerade in den nordwestlichen Provinzen kam dieser Anpassungsfähigkeit besondere Bedeutung zu.

Neue Thermenräumlichkeiten, bemalte Wände im römischen Stil, großes Fenster an der Rückwand
© T. Mauerhofer

Neu rekonstruierte Räume in der Zivilstadttherme - © T. Mauerhofer 

Die technische Infrastruktur der Therme ist entsprechend komplex ausgebildet. Hypokaustenheizungen, praefurnia sowie ein differenziertes System der Wasserver- und -entsorgung belegen den hohen planerischen und baulichen Aufwand. Zunächst verfügte die Anlage offenbar über eine lokale Wasserversorgung, unter anderem durch einen Brunnen und eine unterirdische Sickergalerie, bevor sie später vermutlich an das städtische Leitungssystem angeschlossen wurde. Auch die Entwässerung war integraler Bestandteil des Systems und umfasste gezielte Abflüsse sowie in das hydraulische Gefüge eingebundene Latrinen. Die Therme ist damit als komplexe technische Anlage zu verstehen, in der Wasser, Wärme und Nutzung präzise aufeinander abgestimmt waren.

Neue Thermenräumlichkeiten, bemalte Wände im römischen Stil, Tür hinüber ins tepidarium
© T. Mauerhofer

Zwischen Funktion und Repräsentation

Die Ausstattung unterstreicht den repräsentativen Charakter des Bauwerks. Archäologische Befunde belegen Wandmalereien, Marmorausstattungen und Mosaikböden. Besonders anschaulich ist ein Fragment einer Deckenmalerei in der sala thermarum, welche eine Tänzerin zeigt. Solche Elemente zeigen, dass die Therme nicht allein funktionalen Zwecken diente, sondern als sozialer und ästhetischer Raum konzipiert war, in dem sich städtischer Lebensstil und architektonischer Anspruch manifestierten.

Malerei mit der Darstellung einer Tänzerin, wird an der oberen Bruchkante von einer gelbgrundigen, grünen Blattgirlande umfangen. Auf blauem Grund ist der Oberkörper einer nackten Frau erkennbar. Aufgrund der Oberarmreifen und des ovalen, als Tympanon identifizierten Objekts in der rechten Hand wurde sie bisher als Tänzerin angesprochen.
© Landessammlungen NÖ

Malerei aus der sala thermarum in der Zivilstadttherme mit der Darstellung einer Tänzerin (Inv.-Nr. CAR-W-7) - © Landessammlungen NÖ

Umbau, Anpassung und Bedeutungsverlust

Im Verlauf ihrer Nutzung wurde die Anlage mehrfach instand gesetzt und umgebaut. Reparaturen an Fußböden, Kanälen und Heizsystemen sowie die Wiederherstellung angrenzender Funktionsräume nach Schadensereignissen sind archäologisch gut nachweisbar. In der Spätantike zeichnen sich jedoch grundlegende Veränderungen ab: Teile der Heizsysteme wurden aufgegeben, Warmwasserinstallationen außer Betrieb gesetzt und einzelne Räume umgenutzt. Spätestens im 4. Jahrhundert verlor die Therme ihre ursprüngliche Funktion als voll betriebenes Bad. Teile des Areals wurden schließlich sogar als Bestattungsplatz genutzt, was den tiefgreifenden Wandel der Nutzung deutlich erkennen lässt.

Bau der Therme
© Land NÖ

Bauarbeiten bei der Errichtung des Thermengebäudes 2010 - © Land NÖ 

Vom Befund zum Bau: die Rekonstruktion der Therme

Die moderne Rekonstruktion der Therme, welche für die Niederösterreichische Landesausstellung 2011 fertiggestellt wurde, setzt gezielt an diesem fragmentarischen Befund an. Ausgangspunkt bilden Grundriss, Baustrukturen, technische Installationen sowie Hinweise auf Ausstattung und Nutzung, die mit typologischen Vergleichswerten aus anderen römischen Thermenanlagen kombiniert wurden. Die Rekonstruktion ist daher nicht als freie Nachbildung zu verstehen, sondern als wissenschaftlich fundierte Annäherung an das ursprüngliche Bauwerk: Wo der Befund eindeutig ist, wird er direkt umgesetzt; wo er Lücken aufweist, erfolgt eine plausible Ergänzung auf Grundlage archäologischer und bauhistorischer Analogien.

In dieser Verbindung von archäologischer Evidenz und interpretativer Rekonstruktion liegt die besondere Qualität der Anlage. Die rekonstruierte Therme erfüllt eine doppelte Funktion: Sie ist Ergebnis wissenschaftlicher Analyse und zugleich ein zentrales Instrument der Vermittlung. Komplexe Befunde werden in ein räumliches Erlebnis übersetzt, das es ermöglicht, Funktionsweise, Nutzung und Bedeutung eines römischen Stadtbades unmittelbar nachzuvollziehen.

Wiederaufbau der Therme, Aufnahme zeigt Mauern die gerade aufgebaut werden
© Land NÖ

Beginn der Rekonstruktionsarbeiten des Thermengebäudes 2010 - © Land NÖ 

Die Zivilstadttherme von Carnuntum zeigt exemplarisch, dass archäologische Forschung nicht mit der Freilegung endet. Erst durch sorgfältige Analyse, kontextuelle Interpretation und kontrollierte Rekonstruktion wird es möglich, vergangene Lebenswelten wieder sichtbar und verständlich zu machen. Sie steht damit nicht nur für römische Badekultur, sondern ebenso für die Leistungsfähigkeit moderner Archäologie, aus Ruinen wieder Geschichte werden zu lassen.

Virtuelle Innenansicht einer römischen Therme
© RSC
    Sa, 16. Mai 2026
    16:00 Uhr

    Große Jubiläumsführung

    Rekonstruiertes Stadtviertel
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    Sa, 13. Juni 2026
    16:00 Uhr

    Große Jubiläumsführung

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    Sa, 11. Juli 2026
    16:00 Uhr

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    Fr, 7. August 2026
    16:00 Uhr

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    Sa, 12. September 2026
    16:00 Uhr

    Große Jubiläumsführung

    Rekonstruiertes Stadtviertel
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