Wissenschaft

The floor is lava! Heiztechniken im antiken Carnuntum

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
rekonstruierte Hypokaustheizung in der Therme im Römischen Stadtviertel, Ziegeltürmchen beleuchtet, vorne grünes Moos

Wenn man an das Leben in der römischen Antike denkt, überwiegen oft Vorstellungen von südlichen Landschaften, milden Wintern und sonnenverwöhnten Städten. Dieses Bild greift jedoch etwas zu kurz. Auch im Mittelmeerraum, erst recht aber in den nördlichen Provinzen des Imperium Romanum, gehörten Frostperioden zum winterlichen Alltag. Für Städte wie Carnuntum war eine verlässliche Wärmeversorgung daher keine Komfortfrage, sondern eine grundlegende Voraussetzung für Wohnen, Arbeiten und gesellschaftliches Leben.

Großaufnahme eines Kohlebeckens mit Asche darin
© T. Mauerhofer

Kohlebecken dienten nicht nur als Wärmequelle, auch bei rituellen Handlungen und Zeremonien wurden sie verwendet - © Römerstadt Carnuntum 

Verschiedene Arten zu heizen

Die einfachsten Formen der Raumwärmung basierten auf offenem Feuer. In den Küchen dienten Herdfeuer sowohl zum Kochen als auch zum Wärmen, in Wohnräumen kamen häufig metallene Holz- oder Holzkohlebecken zum Einsatz. Diese waren zwar gut regulierbar, aber nicht besonders effizient: Sie erwärmten nur ihre unmittelbare Umgebung, verschlechterten durch Rauchgase die Luftqualität und ließen die Fußböden kalt. Fest installierte Feuerstellen waren in Wohnräumen daher unüblich. 

offenliegende Sandsteinhypokausten in der Villa Urbana
© T. Mauerhofer

Fußbodenheizung im Nebenraum des roten Salons in der Villa Urbana in der Zivilstadt von Carnuntum. Die Hypokaustpfeiler sind aus Sandstein gefertigt - © Römerstadt Carnuntum 

Einen entscheidenden Entwicklungsschritt stellte die Einführung der Unterbodenheizung, des Hypokaustums, dar. Antike Autoren schreiben seine „Erfindung“ C. Sergius Orata um 80 v. Chr. zu, doch archäologische Befunde zeigen, dass vergleichbare Systeme bereits im 3. Jahrhundert v. Chr. existierten. Spätestens in der römischen Kaiserzeit wurde das Hypokaustum zu einem festen Bestandteil repräsentativer Architektur.

Praefurnium in der Küche des Haus des Lucius, aufgestapeltes Holz und Ofen mit Metallverschlag
© T. Mauerhofer

Praefurninum in der Küche des Haus des Lucius, hier wird die Fußbodenheizung im Nebenraum befeuert - © Römerstadt Carnuntum 

Das Prinzip der Hypokaustheizung

Das Funktionsprinzip ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Der Fußboden ruht auf einer Unterkonstruktion aus kleinen Pfeilern, welche vorwiegend aus Ziegeln gefertigt waren. In einer seitlich gelegenen Feuerkammer, dem praefurnium, wird Holz verbrannt; die heißen Rauch- und Verbrennungsgase strömen unter dem Boden hindurch, erwärmen ihn und werden anschließend über Kamine oder in die Wände eingelassene Hohlziegel (tubuli) ins Freie abgeleitet. So konnten Böden und Wände beheizt werden. Die entstehende Wärme war gleichmäßig, mild und nahezu zugluftfrei – vergleichbar mit der Strahlungswärme moderner Kachelöfen.

    Hohlziegel (tubulus) aus Keramik (Inv.-Nr. CAR-K-1063) und Dachaufsatz (vermutlich Belüftungsaufsatz) aus Keramik (Inv.-Nr. CAR-K-1532) - © Landessammlungen NÖ

    Wie wurde in Carnuntum geheizt?

    In Carnuntum sind diese Heizsysteme in unterschiedlicher Form nachweisbar. Während die großen öffentlichen Thermenanlagen vollständig mit Hypokausten ausgestattet waren, zeigt sich im privaten Wohnbau ein deutlich sparsameres Bild. Viele Häuser verfügten nur über einen einzigen beheizten Raum, häufig nicht einmal mit vollflächiger Unterbodenheizung. Stattdessen kamen Kanalheizungen zum Einsatz, bei denen ein gedeckter Heizkanal vom praefurnium in den Raum führte und sich dort verzweigte. Diese Bauweise, wie sie etwa im Haus des Lucius verwendet wurde, war kostengünstig und besonders in den nördlichen Provinzen verbreitet, erreichte jedoch nicht die Leistung voll entwickelter Hypokausten. Ergänzend blieben Holzkohlebecken weiterhin in Gebrauch.

    Ihre größte Bedeutung entfaltete die römische Heiztechnik in den Thermen. Öffentliche Badeanlagen waren zentrale Orte der Körperpflege und des sozialen Lebens. Hier verband sich technische Raffinesse mit demonstrativem Luxus. Beheizte Räume wie caldarium, tepidarium oder sudatorium erforderten eine genaue Abstimmung von Luft- und Wassertemperaturen. Rekonstruktions- und Messversuche zeigen, dass Fußbodentemperaturen von 20 bis 50°C sowie Wandtemperaturen bis zu 30°C erreicht wurden. Im caldarium herrschten Lufttemperaturen um 32°C bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit; das Badewasser konnte bis zu 48°C heiß sein und musste vor der Nutzung gemischt werden.

    Innenraum einer rekonstruierten römischen Wohnstätte mit Steinwänden, Holzbalken und zwei kleinen Fenstern.
    © RSC

    Kanalheizung mit gedecktem Heizkanal in der Zivilstadttherme im Römischen Stadtviertel - © Römerstadt Carnuntum 

    Brennstoffverbrauch

    Aus heutiger Sicht erscheint diese Heizform energetisch ineffizient. Hypokaustanlagen hatten lange Aufheizzeiten, waren nur eingeschränkt regulierbar und verbrauchten enorme Mengen an Brennholz. Große Thermen mussten oft dauerhaft in Betrieb bleiben, um Temperaturverluste auszugleichen. Untersuchungen zum Brennstoffverbrauch der Zivilstadt von Carnuntum verdeutlichen die ökologischen Folgen: Holz war der wichtigste Energieträger der Antike, und der hohe Bedarf für Heizung und Badewesen trug wesentlich zur Entwaldung ganzer Regionen bei.

    Auch der Wohnkomfort relativiert sich bei näherer Betrachtung. Heiztechnische Analysen rekonstruierter Häuser zeigen, dass die hohen Wärmeverluste durch ungedämmte Mauern und Fenster nur durch sehr hohe Bodentemperaturen ausgeglichen werden konnten, die häufig über heutigen Komfort- und Gesundheitsgrenzen lagen. Hinzu kamen starke Temperaturunterschiede zwischen Boden und Wänden sowie begrenzte Möglichkeiten, einzelne Räume unabhängig zu regulieren.

    rekonstruierter römischer Schornstein in Hausform, ziegelrot auf Dach im RSV
    © T. Mauerhofer

    Dachaufsatz in Hausform auf der Therme in der Zivilstadt von Carnuntum - © Römerstadt Carnuntum 

    Gerade in Carnuntum lässt sich anhand archäologischer Befunde und moderner Rekonstruktionen exemplarisch nachvollziehen, wie man in der Antike auf klimatische Herausforderungen reagierte. Zwischen einfachen Kohlebecken, sparsamen Kanalheizungen und monumentalen Hypokausten spannt sich ein weiter Bogen – von pragmatischer Notwendigkeit bis zu luxuriöser Inszenierung. Wärme war in der Antike kein bloßer Komfort, sondern ein zentraler Faktor urbaner Lebensqualität, dessen Spuren bis heute sichtbar geblieben sind.

    Innenansicht der Basilika der Therme. Im Vordergrund steht eine steinerne Wasserschale. An der Decke und den Wänden sind bunte Wandmalereien.
    © RSV

    Achtung, spoiler alert!

    In der kommenden Saison 2026 erwartet Sie in der Römerstadt Carnuntum ein wortwörtlich spürbares Upgrade: zwei neue, beheizte Räume erweitern das Badeareal – klar gestaltet, atmosphärisch inszeniert und näher am römischen Original als je zuvor. Wir wollen noch nicht zu viel verraten, aber sicher ist : mehr Wärme, mehr Raum, mehr Erlebnis! 

    Wer schon neugierig geworden ist, kann auf unserem Tiktok-Kanal schon einen ersten Blick hinter die Kulissen werfen: 

    Screenshot von Tiktok-Kanal, Lilia steht n einem Raum in der Therme mit offenen Hypokausten
    © N. Kirchengast
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