Spiel, Bad und Spektakel – Freizeitkultur im römischen Carnuntum
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria GrohsWenn in Carnuntum an Spieltagen die Menschenströme zum Amphitheater zogen, wenn aus den Thermen Stimmengewirr und Gelächter nach außen drangen oder in den Schankstuben der Zivilstadt Würfel über hölzerne Spielbretter klackerten, dann wurde eine Seite römischen Lebens sichtbar, die lange hinter Militärgeschichte und Verwaltungsorganisation zurücktrat: die Welt der Freizeit, der Geselligkeit und des Vergnügens. Gerade an einem Grenzstandort wie Carnuntum, an dem Soldaten, Händler, Handwerker, Familien und lokale Eliten zusammenlebten, war Freizeit kein Randphänomen, sondern ein wesentlicher Bestandteil urbaner Kultur und sozialer Integration.
Strigiles und weitere römische Körperpflegeprodukte - © Römerstadt Carnuntum
otium und negotium
Der römische Begriff otium beschreibt dabei nicht bloßen Müßiggang, sondern aktiv gestaltete freie Zeit – als Gegenpol zum negotium, also zu Dienst, Arbeit und Verpflichtung. Wie viel Freizeit zur Verfügung stand, hing stark vom sozialen Status ab. Während die städtische Oberschicht Muße für Gastmähler, Thermenbesuche oder literarische Beschäftigung nutzen konnte, blieb sie für Handwerker, Händler oder Soldaten zeitlich begrenzter. Dennoch zeigen archäologische Funde und literarische Zeugnisse, dass verschiedenste Formen des Vergnügens alle Bevölkerungsschichten durchzogen.
[…] a negotiis in otium conversa civitas.
Sala thermarum in der rekonstruierten Zivilstadttherme im Römischen Stadtviertel - © Römerstadt Carnuntum
Thermen als soziale Freizeitzentren
Im Zentrum der städtischen Freizeitlandschaft standen die Thermen. Die großen Badeanlagen Carnuntums – allen voran die große Forumstherme, die heute sogenannte „Palastruine“ – waren weit mehr als Orte der Körperpflege. Hier traf man sich zum Gespräch, zur Entspannung, zu Spiel und körperlicher Betätigung. Zahlreiche Kleinfunde spiegeln diese Nutzungsvielfalt wider. Besonders charakteristisch sind strigiles – gebogene Körperschaber aus Metall, mit denen Öl, Schweiß und Schmutz von der Haut entfernt wurden. Sie zählen zu den ikonischen Objekten römischer Körperkultur und verweisen zugleich auf die enge Verbindung von Training, Pflege und sozialer Interaktion im Thermenraum. Ergänzt werden sie durch Ölgefäße, Salbfläschchen und kleine Glasbehälter, die Bade- und Pflegepraktiken materiell greifbar machen.
Körperschaber aus Carnuntum (Inv.-Nr. CAR-M-2594) - © Landessammlungen NÖ
Es lebe der Sport
Körperliche Betätigung war Teil dieser Freizeitkultur, ohne als eigenständiger „Sport“ im modernen Sinn organisiert zu sein. Ballspiele wie trigon oder harpastum wurden in den Palästren im Umfeld der Thermen ausgetragen, dazu kamen gymnastische Übungen, Ringkämpfe oder einfache Trainingsformen. Archäologisch sind entsprechende Geräte selten direkt nachweisbar, doch literarische Quellen und Begleitfunde – etwa strigiles, Ölgefäße oder Trainingsgewichte – erlauben Rückschlüsse auf entsprechende Praktiken. Körperpflege, Training und Geselligkeit bildeten hier eine untrennbare Einheit.
Ringende Reenactors beim Harpastumspiel bei der Zeitreise Carnuntum 2024 - © Römerstadt Carnuntum
Unterhaltung im öffentlichen Raum
Neben den Thermen umfasste die Stadt weitere Freizeitorte. Die spektakulärste Form öffentlicher Unterhaltung bot das Amphitheater. Dass Carnuntum über gleich zwei Anlagen verfügte – eine im Umfeld des Legionslagers, eine in der Zivilstadt – unterstreicht die enorme Bedeutung der Spiele. Gladiatorenkämpfe (munera) entwickelten sich in der Kaiserzeit zu einem der wirkungsmächtigsten Massenunterhaltungsformate.
Organisiert wurden sie häufig von hohen Beamten oder Politikern, die damit Prestige, Loyalität und politische Sichtbarkeit generierten. Auch Tierhetzen oder Hinrichtungen sind im provinzialrömischen Kontext nachweisbar. Selbst wenn bislang keine eindeutigen Belege für Wagenrennen oder ein festes Theater in Carnuntum vorliegen, ist anzunehmen, dass Amphitheater multifunktional genutzt wurden – etwa für Pantomime, Schauspiele oder musikalisch begleitete Darbietungen.
Kämpfende Gladiatoren beim Römerfest 2023 - © Römerstadt Carnuntum
Spiel und Zeitvertreib
Abseits dieser monumentalen Schauplätze spielte sich Freizeit vielfach im Kleinen ab. Eine der am besten archäologisch greifbaren Freizeitpraktiken im privaten Bereich ist das Spiel. Aus Carnuntum stammen zahlreiche Würfel und Spielsteine. Gespielt wurden in Tavernen, bei Gastmählern, in Thermen oder im privaten Haushalt. Dass Glücksspiel rechtlich eingeschränkt war, tat seiner Beliebtheit kaum Abbruch. Ergänzt wurden die Würfel durch Spielsteine, oftmals aus Bein oder Glas. Sie dienten Brettspielen wie dem ludus latrunculorum, einem strategischen Positionsspiel.
Besonders eindrucksvoll sind eingeritzte Spielfelder auf Steinplatten, Ziegeln oder Treppenstufen – improvisierte Spielbretter, die den öffentlichen Raum selbst zum Freizeitort machten. Auch aus Carnuntum sind solche Ritzungen bekannt und zeigen, wie selbstverständlich Spiel in den Alltag integriert war.
Archäologische Funde aus Carnuntum: Würfel (Inv.-Nr. CAR-OR-30), Glasbecher (Inv.-Nr. CAR-G-21) und Spielstein (Inv.-Nr. CAR-OR-15) - © Landessammlungen NÖ
Trinkkultur und Gastmähler
Eng verbunden mit Spiel und Geselligkeit war die Wirtshaus- und Trinkkultur. Tavernen (tabernae, cauponae) fungierten als soziale Treffpunkte, in denen Wein ausgeschenkt, gespielt, musiziert und getanzt wurde. Literarische Quellen zeichnen zwar ein moralisch ambivalentes Bild dieser Orte, archäologisch und sozialgeschichtlich waren sie jedoch fest in den urbanen Alltag integriert. Musik bildete dabei ein zentrales Unterhaltungselement: Flöten, Saiteninstrumente, Trommeln oder Klapperinstrumente begleiteten sowohl öffentliche Spiele als auch private Feiern.
Für die Oberschicht manifestierte sich Freizeit besonders im Rahmen repräsentativer Gastmähler. Solche convivia verbanden kulinarischen Genuss mit sozialer Selbstdarstellung, politischem Networking und kultureller Unterhaltung. Musik, Rezitation, Tanz oder Pantomime konnten Teil dieser Abende sein.
Tänzerinnen beim Römerfest 2022 in Carnuntum - © Römerstadt Carnuntum
Freizeit als gesellschaftlicher Spiegel
Otium bedeutete hier eine strukturierte Abfolge aus Lektüre, Korrespondenz, körperlicher Bewegung, Thermenbesuch und abendlicher Geselligkeit. Gleichzeitig war Freizeit sozial ungleich verteilt. Handwerker, Händler oder Tagelöhner waren zeitlich stark durch Erwerbsarbeit gebunden. Für sie konzentrierten sich Vergnügungsmöglichkeiten auf Festtage, Thermenbesuche oder Wirtshausabende. Gerade deshalb hatten kollektive Unterhaltungsräume integrative Funktion: Sie verbanden Militär und Zivilbevölkerung, Zugewanderte und Einheimische, Wohlhabende und Besitzlose in gemeinsamen Erlebnisformaten.
Diese Unterhaltungsangebote zeigen, wie Menschen ihre freie Zeit gestalteten: spielend, badend, trinkend, trainierend, feiernd. Freizeit war somit sozial differenziert, aber allgegenwärtig. Gerade an der Reichsgrenze diente sie als kulturelles Bindemittel, das römische Lebensweise erfahrbar machte und auch Identität stiftete. Carnuntum erscheint damit nicht nur als Militärstandort und Verwaltungszentrum, sondern als lebendige Stadtgesellschaft, deren Alltag ebenso von Vergnügen wie von Verpflichtung geprägt war.
Römische Reenactors beim Würfelspiel in der Portikus der Villa Urbana - © Römerstadt Carnuntum