Wissenschaft

Verlorene Farben neu entdeckt: Wand- und Deckenmalerei aus Carnuntum

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
Rekonstruktionsarbeiten an der Raumdecke der sala thermarum; man sieht die dekorierte Decke mit einer Malerin auf einem Gerüst

Wenn man heute an römische Wandmalerei denkt, kommen den meisten wohl zuerst die berühmten Bilder aus Pompeji in den Sinn. Doch auch in Carnuntum haben sich bemerkenswerte Reste solcher Malerei erhalten: Funde aus Ausgrabungen zeigen, dass auch hier Wände und Decken einst farbig, aufwendig und mit großer gestalterischer Sorgfalt gestaltet waren.

Dabei waren Malereien in der römischen Welt weit mehr als bloßer Wandschmuck. Sie strukturierte Räume, setzte Akzente, imitierte kostbare Materialien und verlieh Gebäuden Atmosphäre. Farbe, Muster und Bilder machten Architektur erst vollständig. Was heute meist nur noch in kleinen Fragmenten erhalten ist, war ursprünglich ein zentraler Teil der Raumwirkung. Carnuntum war in der Römerzeit also keine Metropole aus nacktem Stein, sondern eine farbige, visuell bewusst inszenierte Stadt.

Die Malerei bildet alles ab, was wirklich vorhanden ist oder doch sein kann, z.B. Menschen, Gebäude, Schiffe und andere Dinge mehr; sie nimmt sich die Gestalt und Umrisse der Dinge zum Muster und bildet sie ähnlich nach (...); alles und jedes aber ganz auf die nämliche Weise, wie es in der Natur wirklich vorhanden ist.
Vitruv, de architectura 7, 5

Malerei als Teil römischer Raumgestaltung

Gerade in der Zivilstadt von Carnuntum lassen sich diese verlorenen Farbwelten stellenweise überraschend gut nachvollziehen. Neue Forschungen zeigen, dass hier nicht nur Wände bemalt waren, sondern auch Decken aufwendig gestaltet wurden. Vor allem die Thermen und die villa urbana haben zahlreiche Hinweise auf solche Ausstattungen geliefert. Damit öffnet sich ein Einblick in eine Seite des römischen Alltags, die archäologisch oft nur schwer zu greifen ist.

Besonders die Deckenmalerei verdient dabei Aufmerksamkeit. Sie ist in den Nordwestprovinzen des Römischen Reiches nur selten so gut belegt wie in Carnuntum. Gerade deshalb sind die Funde aus der Zivilstadt von besonderer Bedeutung. Sie machen deutlich, dass Räume nicht nur funktional gebaut, sondern auch visuell bewusst geformt wurden – selbst dort, wo Hitze, Feuchtigkeit und intensive Nutzung eigentlich ungünstige Bedingungen für Malerei schufen.

Die prächtigen Deckenmalereien in der rekonstruierten Halle der römischen Therme
© Römerstadt Carnuntum

Wand- und Deckenmalerei in der sala thermarum in der Therme des Römischen Stadtviertels - © T. Mauerhofer 

Wie römische Wandmalerei gemacht wurde

Römische Wandmalerei beruhte auf sorgfältig aufgebauten Putzschichten, auf die Farbpigmente aufgetragen wurden. Verwendet wurden mineralische, pflanzliche oder organische Farbstoffe. Je nach Aufwand, handwerklichem Können und finanziellen Möglichkeiten kamen unterschiedliche Techniken zum Einsatz. Besonders bekannt ist das Fresko. Dabei wurden die Farben auf den noch feuchten Kalkputz aufgetragen. Während der Putz trocknete, verband sich die Farbe mit der Oberfläche. Das Ergebnis war dauerhaft und farbintensiv, verlangte aber rasches und präzises Arbeiten. Daneben gab es Malerei auf trockenem Putz, meist unter dem Begriff Secco zusammengefasst. Diese Technik war flexibler, aber in der Regel weniger haltbar, weil die Farbe stärker auf der Oberfläche lag und sich nicht so fest mit dem Untergrund verband. 

    Bruchstücke einer Kassettendecke aus der villa urbana (Inv.-Nr. CAR-W-3) und weißgrundige Malerei mit rotem Streifendekor aus der Zivilstadttherme (Inv.-Nr. CAR-W-6) - © Landessammlungen NÖ

    Eine wichtige Rolle spielte außerdem Stuck, also fein gearbeiteter Putz, der geglättet, profiliert oder plastisch modelliert werden konnte. Mit ihm ließ sich eine Wand nicht nur bemalen, sondern auch gliedern und architektonisch strukturieren. Gesimse, Rahmungen oder dekorative Felder konnten so zusätzlich hervorgehoben werden. Besonders aufwendig war schließlich der stucco lustro. Dabei wurde ein sehr feiner Kalkputz geglättet und verdichtet, sodass eine glänzende, fast marmorartige Oberfläche entstand. Diese Technik war kostspielig und anspruchsvoll, wirkte dafür aber besonders hochwertig. Auch in Carnuntum zeigen die erhaltenen Fragmente, dass manche Räume gehoben ausgestattet waren. Polierte Oberflächen, kräftige Farben und sorgfältig gegliederte Dekore lassen erkennen, dass Innenräume nicht bloß praktisch gedacht waren, sondern auch repräsentieren sollten.

    Apsidensaal mit Wandmalerei und Bestühlung
    © Römerstadt Carnuntum

    Apsidensaal in der villa urbana im Römischen Stadtviertel, bei der Malerei wurde die Technik des stucco lustro angewandt - © T. Mauerhofer 

    Carnuntum in Farbe

    Die Malereien der Carnuntiner Zivilstadt sind, anders als in Pompeji oder Herculaneum, meist nur in Fragmenten erhalten. Dennoch erlauben sie heute wichtige Aussagen. Besonders bedeutend ist der Fundkomplex aus der villa urbana, wo mehrere tausend Stücke aus einer Schuttgrube geborgen wurden. Diese Funde stehen offenbar mit einem Zerstörungsereignis in Zusammenhang – wohl einem Erdbeben in der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr. – und lassen sich deshalb vergleichsweise gut datieren. Die rekonstruierten Dekore umfassen Architekturmalerei, Pflanzenmotive, figürliche Darstellungen und Marmorimitationen. Auffällig sind kräftige Farben wie Rot, Blau und Gelb sowie fein gesetzte Rahmungen und dekorative Gliederungen. Solche Ausstattungen zeigen, dass man sich in Carnuntum an überregionalen römischen Formen orientierte, diese aber lokal umsetzte und variierte.

    Neuer Thermenraum, im Vordergrund Wasserbecken mit der Spiegelung der Wandmalerei im Hintergrund
    © T. Mauerhofer

    Wandmalerei mit Pflanzenmotiven in den neu rekonstruierten Räumen in der Therme des Römischen Stadtviertels - © T. Mauerhofer 

    Warum Deckenmalerei so besonders ist

    Deckenmalerei ist archäologisch selten. Wenn Decken einstürzen, zerbrechen die bemalten Flächen meist in zahllose kleine Stücke. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich in Carnuntum mehrere Systeme zumindest teilweise rekonstruieren lassen. Für die villa urbana lassen sich mindestens zwei verschiedene Deckentypen unterscheiden: eine gewölbte Decke mit figürlichen und ornamentalen Medaillons sowie eine Flachdecke mit geometrischem Kassettensystem. Diese Flachdecke ahmte eine hölzerne Kassettendecke nach und war mit farbigen Feldern und Rosetten gestaltet. Solche Decken waren nicht bloß Schmuck. Sie machten auch Unterschiede im Rang der Räume sichtbar. Besonders aufwendige Systeme finden sich in repräsentativen Bereichen, während einfachere Muster eher funktionalen Räumen zugeordnet werden können. Deckenmalerei war also nicht nur Dekor, sondern Teil einer bewussten architektonischen Hierarchie.

    Malerei mit der Darstellung einer Tänzerin, wird an der oberen Bruchkante von einer gelbgrundigen, grünen Blattgirlande umfangen. Auf blauem Grund ist der Oberkörper einer nackten Frau erkennbar. Aufgrund der Oberarmreifen und des ovalen, als Tympanon identifizierten Objekts in der rechten Hand wurde sie bisher als Tänzerin angesprochen.
    © Landessammlungen NÖ

    Malerei aus der sala thermarum in der Zivilstadttherme mit der Darstellung einer Tänzerin (Inv.-Nr. CAR-W-7) - © Landessammlungen NÖ

    Die Therme der Zivilstadt

    Gerade in Thermen war Malerei keine Selbstverständlichkeit. Hitze, Feuchtigkeit und Dampf setzten bemalten Flächen stark zu. Deshalb griff man dort häufig lieber auf robustere Materialien wie Mosaiken oder Marmorverkleidungen zurück. Umso bemerkenswerter ist die erhaltene Deckenmalerei aus der heute rekonstruierten Therme im Römischen Stadtviertel. Sie zeigt ein regelmäßiges Muster aus grünen Blattstäben, die ein gitterartiges System bilden. In den Feldern dazwischen erscheinen Blüten oder Früchte. Das Dekor wirkt zugleich geordnet und lebendig. Es strukturiert die Fläche, ohne starr zu erscheinen, und verbindet ornamentale Klarheit mit pflanzlicher Fülle. 

    Rekonstruktion der Tänzerinmalerei aus der Zivilstadttherme, gezeichnete Umrisse und Malereistück
    © Behling 2016

    Rekonstruktion der Deckenmalerei in der sala thermarum der Zivilstadttherme - © C. M. Behling 2016 

    Besonders interessant ist, dass offenbar auch figürliche Elemente zu diesem Deckenprogramm gehörten. Ein Fragment zeigt den Oberkörper einer halbnackten Figur mit Schmuckreifen. Gemeinsam mit zwei weiteren Bruchstücken bildet dieses Fragment den Teil einer Felder-Lisenenmalerei und wird an der oberen Bruchkante von einer gelbgrundigen, grünen Blattgirlande umfangen. Auf blauem Grund ist der Oberkörper einer nackten Frau erkennbar. Aufgrund der Oberarmreifen und des ovalen, als Tympanon identifizierten Objekts in der rechten Hand wurde sie bisher als Tänzerin angesprochen. Solche Elemente deuten darauf hin, dass die Decke nicht nur dekorativ war, sondern Teil eines durchdachten Bildprogramms.

    Wandverputz aus dem Grabungsschnitt 2017 aus der villa urbana, Bruchstücke der Wandmalerei
    © N. Kirchengast

    Wandmalereifragmente, gefunden bei Grabungsarbeiten 2017 im südlichen Bereich der villa urbana - © N. Kirchengast 

    Räume lesen lernen

    Die Zuordnung solcher Malereien zu bestimmten Räumen gelingt über Bauanalyse, Fundlage und Materialbeobachtung. Die Erforschung der Carnuntiner Wandmalerei wurde jedoch lange durch schwierige Überlieferungsbedingungen erschwert. Vor allem ältere Grabungen brachten zwar Material zutage, dokumentierten es aber oft nur unzureichend. Vieles ging verloren oder ist heute nicht mehr sicher zuzuordnen. Erst neuere systematische Bearbeitungen haben gezeigt, welches Potenzial in diesen Fragmenten steckt. Durch sorgfältige Aufnahme, Vergleich und Rekonstruktion lässt sich heute ein deutlich klareres Bild der römischen Innenausstattung in Carnuntum gewinnen. Gerade darin liegt der besondere Reiz dieser Funde: Aus vielen kleinen Resten entsteht Schritt für Schritt wieder eine Vorstellung von den farbigen Räumen der antiken Stadt.

    Rekonstruktionsarbeiten an der Raumdecke der sala thermarum; man sieht die dekorierte Decke mit einer Malerin auf einem Gerüst
    © T. Mauerhofer

    Mal- und Rekonstruktionsarbeiten der Deckenmalerei in der sala thermarum in der Zivilstadttherme - © T. Mauerhofer 

    Malerei in neuem Glanz

    Besonders anschaulich wird dies derzeit in der sala thermarum. Dort finden aktuell Arbeiten statt, bei denen die hier behandelte Deckenmalerei rekonstruiert wird. Auf diese Weise wird ein Teil der einstigen Farbigkeit und Raumwirkung der Carnuntiner Therme wieder erfahrbar. Forschung und Rekonstruktion greifen hier unmittelbar ineinander – und lassen die antike Therme im wahrsten Sinne des Wortes in neuem Glanz erscheinen.

    Luftbildaufnahme des Freilichtareals der Römerstadt Carnuntum, altes Foto mit den freigelegten Arealen
    © Land Niederösterreich
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