Wissenschaft

Ars amatoria Carnuntensis – Leben und lieben im antiken Carnuntum

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
Die unbekleidete stehende Venus stützt sich mit der linken Hand auf die am Boden stehende ityphallische Herme des Fruchtbarkeitsgottes Priapus. Die weggebrochene Rechte hielt ein Attribut (Spiegel, Apfel oder Schale). Das Haar ist im Nacken geknotet, einzelne Haarlocken fallen auf die Schulter. Den Kopf bekrönt ein halbmondförmiges Diadem. In der gebohrten Iris befinden sich Silbereinlagen.

Carnuntum ist ein Ort, an dem sich römisches Alltagsleben in ungewöhnlicher Dichte fassen lässt – nicht nur in monumentalen Bauten und öffentlichen Räumen, sondern ebenso in jenen kleineren sozialen Sphären, in denen Nähe, Begehren, Bindung und Konflikt ausgehandelt wurden. Der Valentinstag bietet daher einen geeigneten Anlass über Liebe im römischen Carnuntum zu sprechen: In der Antike standen Beziehungen selten „nur“ zwischen zwei Personen, sondern waren eng mit rechtlichen Normen, sozialem Status und gesellschaftlicher Kontrolle verflochten. Gerade aus dieser Spannung zwischen Pflicht und Lebenswirklichkeit beziehen die archäologischen und epigraphischen Quellen ihre besondere Aussagekraft.

Römisches Paar bei der Eheschließung am Römerfest 2025. Die Frau trägt einen roten Schleier und eine Tunika, der Mann eine Toga und trägt einen  Bart.
© T. Mauerhofer

Römisches Paar bei der Eheschließung am Römerfest 2025 in Carnuntum - © Römerstadt Carnuntum 

Bilder – Worte – Dinge

Römische Vorstellungen von Körperlichkeit und Begehren begegnen nicht allein in den literarischen Werken eines Ovid oder Catull, sondern in einer Vielzahl materieller Medien: in Wandmalerei und Mosaik, auf Lampen, Schmuckstücken, kleinen Gebrauchsgegenständen oder in Graffiti. Diese Zeugnisse wirken aus heutiger Perspektive bisweilen erstaunlich direkt. Das liegt weniger an einer vermeintlichen „Schrankenlosigkeit“ römischer Sexualität als vielmehr daran, dass andere Ordnungskategorien galten. Alter, Geschlecht und vor allem der rechtliche Status – frei geboren, freigelassen oder versklavt – strukturierten, was als legitim, geduldet oder tabuisiert galt.

Besonders aufschlussreich sind dabei kleine Objekte mit Inschriften, die als Liebesgeschenke fungierten. Fibeln, Ringe, Schreibgriffel, Gefäße oder Spinnwirtel konnten mit kurzen, oft bewusst mehrdeutigen Texten versehen sein, die Liebe bekannten, um Gegenliebe warben oder bestehende Bindungen festigten. Diese sogenannten pignora amoris – „Liebespfänder“ – waren Zeichen von Zusammengehörigkeit und Treue, die erst durch Annahme und Gebrauch ihre soziale Wirksamkeit entfalteten. Ihr besonderer Wert für die Forschung liegt darin, dass sie überwiegend aus den Provinzen stammen und damit Einblicke in Alltagspraktiken eröffnen, die in der literarischen Überlieferung kaum greifbar sind.

Römische Hochzeit vor dem Haus des Lucius
© (C) Maisblau

Ehe als Institution

Die Ehe war in der römischen Welt primär ein rechtlicher und sozialer Rahmen. Sie regelte legitime Nachkommenschaft, Besitzverhältnisse, Erbfolgen und soziale Netzwerke. Eine romantische „Liebesheirat“ im modernen Sinn war nicht das Leitideal – ohne dass Gefühle deshalb abwesend gewesen wären. Gerade Grabinschriften machen emotionale Bindungen sichtbar: Partnerinnen und Partner, Kinder oder Freigelassene formulieren Verlust, Anerkennung und Fürsorge in festen, aber dennoch aussagekräftigen Sprachmustern. Solche Formeln sind Teil sozialer Kommunikation über Bindung und Verdienst und finden sich in den Provinzen ebenso wie in Rom selbst.

Grabstele des Lucius Plotidius Vitalis, Der Grabstein besitzt einen Dreiecksgiebel mit kleinen Akroteren. Im Giebelfeld ist der Kopf einer Medusa dargestellt, die von zwei Schlangen, die einen Knoten bilden, umgeben wird. Der aus Bononia (heute Bologna) in Norditalien stammende Lucius Plotidius Vitalis war Bauhandwerker und Angehöriger der 15. Legion Apollinaris. Das Brustbild in der rechteckigen Nische zeigt den verstorbenen Soldaten mit Tunika, Mantel und Schwert.
Im unteren Teil des profiliert gerahmten Inschriftenfeldes sind typische, als structoria bezeichnete Bauwerkzeuge des Verstorbenen dargestellt: kurzstielige Hacke (ascia), Maßstab/Richtscheid (regula), Meißel (scalprum), Winkelmaß (norma) und Stechzirkel (circinus).
© Landessammlungen NÖ

Die Grabstele des aus Bononia (dem heutigen Bologna, Italien) stammenden Soldaten und Bauhandwerkers Lucius Plotidius Vitalis betont nicht nur seine militärische und handwerkliche Identität, sondern dokumentiert ausdrücklich auch seine eheliche Bindung, indem Annia Maxima das Monument ihrem „viro suo carissimo“ als Zeichen persönlicher Zuneigung und partnerschaftlicher Verbundenheit errichten ließ:

L(ucius) Plotidius L(ucii) f(ilius) / Lemonia Vitalis do/mo Bononia / miles leg(ionis) XV Apoll(inaris) / ann(orum) L stip(endiorum) XXIII h(ic) s(itus) e(st) / Annia Maxima / viro suo cariss/imo posuit structo/ria asciam norma/m


»Lucius Plotidius, Sohn des Lucius, von der Tribus Lemonia, aus Bononia, Soldat der 15. Legion Apollinaris, 50 Jahre alt, 23 Dienstjahre, liegt hier begraben. Annia Maxima hat ihrem liebsten Mann den Grabstein setzen und als Bauwerkzeuge Hacke (ascia) und Winkelmaß (norma) hinzufügen lassen.«

Inv.-Nr. CAR-S-939 - © Landessammlungen NÖ

Kontrolle und Doppelmoral

Für freie Männer bestanden vergleichsweise große Spielräume für sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe, solange soziale Grenzen respektiert wurden. Gleichzeitig gab es klare Tabus: frei geborene Mädchen und Knaben, verheiratete Frauen und – je nach Kontext – auch Witwen standen unter besonderem Schutz. Verstöße konnten gravierende soziale und rechtliche Folgen nach sich ziehen. Für Ehefrauen stand besonders viel auf dem Spiel, da außereheliche Beziehungen als Angriff auf legitime Abstammung und damit auf die Ordnung des Haushalts galten. Die augusteische Gesetzgebung machte bestimmte Formen von Ehebruch und „unerlaubten“ Beziehungen ausdrücklich zu Gegenständen öffentlicher Strafverfolgung. Gleichgeschlechtliche Beziehungen galten in der römischen Gesellschaft nicht grundsätzlich als anstößig; problematisch wurden sie vor allem dort, wo sie aus Sicht der sozialen Ordnung nicht zur Sicherung legitimer Nachkommenschaft beitragen konnten.

Junge Römerin in rosa Tunika sieht ihren Mann aus den Augenwinkeln an, Großaufnahme im Römischen Stadtviertel beim Spätantikenfest 2023
© A. Hofmarcher

Römisches Paar beim Spätantikenfest 2023 in Carnuntum - © A. Hofmarcher

Make love, not war

Carnuntum war ein Knotenpunkt, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft, Rechtsstände und Lebensentwürfe aufeinandertrafen. Für Soldaten im Legionslager oder in Auxiliarkastellen war die Vereinbarkeit von Dienst und Familie strukturell erschwert, da während der Kaiserzeit lange Zeit rechtliche Beschränkungen für vollgültige Ehen bestanden. Zugleich ist archäologisch und epigraphisch klar belegt, dass stabile Partnerschaften faktisch häufig existierten. Militärdiplome und Inschriften zeigen, wie die Spannung zwischen Norm und Praxis ausgehandelt wurde – und wie „Familie“ im Umfeld von Garnisonen soziale Realität blieb, auch wenn sie juristisch nicht immer vollständig anerkannt war.

Römisches Hochzeitspaar beim Spätantikenfest 2023, die junge römische Braut hat einen orangenen Schleier um und trägt eine weiße Tunika, der junge Bräutigam trägt ebenfalls eine beige Tunika, beide lachen
© A. Hofmarcher

Römisches Paar vor ihrer Vermählung beim Spätantikenfest 2023 in Carnuntum - © A. Hofmarcher

Magie, Begehren und Ambivalenz

Neben Recht und Norm spielte Magie eine zentrale Rolle als emotionale Bewältigungsstrategie. Fluchtäfelchen (defixiones) dokumentieren eindrücklich, wie Menschen mit Kränkung, Konkurrenz, Eifersucht oder unerfülltem Begehren umgingen. Auch Darstellungen männlicher und weiblicher Geschlechtsteile sind in diesem Kontext zu verorten und werden häufig vorschnell als bloße „Erotika“ missverstanden. Viele Anhänger, Beschläge oder Amulette in Genitalform dienten der Unheilabwehr: Sie sollten Neid und den „bösen Blick“ ablenken und Schutz gewährleisten. 

Im Umfeld von Liebesvorstellungen spielten zudem Gottheiten eine wichtige Rolle. Venus als Personifikation von Schönheit und erotischer Anziehung sowie Amor oder Cupido als unberechenbare Macht des Begehrens sind im römischen Bildprogramm allgegenwärtig – und auch im Fundspektrum Carnuntums nachweisbar. Sie verweisen auf ein religiös aufgeladenes Verständnis von Liebe, das zwischen göttlicher Gunst und gefährlicher Leidenschaft schwankt.

    Archäologische Objekte aus Carnuntum: Siegelkapsel mit Phallus (Inv.-Nr. CAR-M-3112), Vulvabeschlag (Inv.-Nr. CAR-M-3224), Statuette eines Amor (Inv.-Nr. CAR-M-3283) und Statuette der Venus (Inv.-Nr. CAR-M-3267) - © Landessammlungen NÖ 

    Ein Spinnwirtel als Liebesbotschaft

    Für Carnuntum ist eine außergewöhnliche Liebesbotschaft überliefert, die dieses Spannungsfeld besonders anschaulich macht: ein runder Spinnwirtel aus schwarzem Ölschiefer mit weiß inkrustierter Ritzinschrift, der nur aus einer älteren Publikation bekannt ist und heute als verschollen gilt. Die zweizeilige Inschrift lautet „VENIS MEA DOMINA“ – sinngemäß „Du kommst (zu mir), meine Herrin“ oder, je nach Betonung, auch als Bitte oder Aufforderung „Komm (zu mir), meine Herrin“. Die Anrede domina ist dabei nicht sozialrechtlich zu verstehen, sondern gehört zum etablierten erotisch-affektiven Vokabular der römischen Liebessprache. Vergleichbare beschriftete Spinnwirtel aus den westlichen Provinzen zeigen, dass Alltagsgerät und intime Botschaft hier bewusst miteinander verschränkt wurden. Solche Objekte lassen erkennen, wie Nähe, Begehren und Hoffnung im Medium kleiner Dinge kommuniziert werden konnten.

    Gallische Spinnwirtel mit Inschrift
    © Beninger, Thüry

    Gallischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum (Thüry 2020, 165, Abb.01)

    Liebesg'schichten und Römersachen

    Die Funde aus Carnuntum zeigen, dass Liebe und Sexualität in der Antike weder als tabuisiertes Schweigen noch als grenzenlose Freiheit zu verstehen sind, sondern als soziales Feld mit klaren Regeln, deutlichen Ungleichheiten und zugleich realen Bindungen. Grabinschriften, Liebesgeschenke, Schutzamulette, Gottheitsbilder und magische Texte sind Momentaufnahmen einer Gesellschaft, in der Menschen Nähe suchten, Anerkennung formulierten, Konflikte austrugen und Hoffnung materialisierten. Gerade die kleinen Objekte machen sichtbar, wie „Liebe“ im römischen Alltag nicht nur empfunden, sondern praktisch organisiert, kommuniziert und abgesichert wurde.

    Dekorierter Tisch mit weißen Kissen und Blumen für eine Hochzeit.
    © RSV

    Benötigen Sie noch ein Valentinstagsgeschenk? 
    Carnuntum bietet Erlebnisse, die gemeinsame Zeit schenken 

    Ob eine stimmungsvolle Sonderführung zur Geschichte Carnuntums mit kulinarischer Zeitreise oder eine entspannte Yogaeinheit inmitten der Römerstadt: Beide Formate verbinden historische Kulisse, Atmosphäre und gemeinsames Erleben. Als Gutschein zum Valentinstag verschenkt, wird daraus eine Vorfreude auf besondere Momente in Carnuntum – fernab des Alltäglichen und lange über den 14. Februar hinaus wirksam.

    Eine antike Statue auf rotbraunem Hintergrund
    © RSV
      Eine Yogamatte, eine Trinkflasche und Sandalen liegen in der Wiese und eine Mutter mit ihrem Kind gehen in Sportkleidung auf die römische Therme zu
      Sa, 18. Juli 2026
      14:30 Uhr

      Familienyoga

      Rekonstruiertes Stadtviertel
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      Eine Yogamatte, eine Arbeitstasche und ein Mobiltelefon liegen in der Wiese vor der rekonstruierten römischen Therme
      Sa, 18. Juli 2026
      16:00 Uhr

      After Work Yoga

      Rekonstruiertes Stadtviertel
      27
      Zweigeteiltes Foto mit Yogautensilien auf der linken Seite und mehreren Tellern und Gefäßen mit Essen auf der rechten Seite
      Sa, 18. Juli 2026
      16:01 Uhr

      After Work Yoga mit Mulsum und Imbiss

      Rekonstruiertes Stadtviertel
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      Eine Yogamatte, eine Arbeitstasche und ein Mobiltelefon liegen in der Wiese vor der rekonstruierten römischen Therme
      Fr, 31. Juli 2026
      16:00 Uhr

      After Work Yoga

      Rekonstruiertes Stadtviertel
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      Zweigeteiltes Foto mit Yogautensilien auf der linken Seite und mehreren Tellern und Gefäßen mit Essen auf der rechten Seite
      Fr, 31. Juli 2026
      16:01 Uhr

      After Work Yoga mit Mulsum und Imbiss

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      47
      Eine Yogamatte, eine Trinkflasche und Sandalen liegen in der Wiese und eine Mutter mit ihrem Kind gehen in Sportkleidung auf die römische Therme zu
      Fr, 14. August 2026
      14:30 Uhr

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      Rekonstruiertes Stadtviertel
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      Eine Yogamatte, eine Arbeitstasche und ein Mobiltelefon liegen in der Wiese vor der rekonstruierten römischen Therme
      Fr, 14. August 2026
      16:00 Uhr

      After Work Yoga

      Rekonstruiertes Stadtviertel
      27
      Zweigeteiltes Foto mit Yogautensilien auf der linken Seite und mehreren Tellern und Gefäßen mit Essen auf der rechten Seite
      Fr, 14. August 2026
      16:01 Uhr

      After Work Yoga mit Mulsum und Imbiss

      Rekonstruiertes Stadtviertel
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      Eine Yogamatte, eine Arbeitstasche und ein Mobiltelefon liegen in der Wiese vor der rekonstruierten römischen Therme
      Fr, 28. August 2026
      16:00 Uhr

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      Zweigeteiltes Foto mit Yogautensilien auf der linken Seite und mehreren Tellern und Gefäßen mit Essen auf der rechten Seite
      Fr, 28. August 2026
      16:01 Uhr

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