Wissenschaft

Von Ruinen zur Römerstadt: 30 Jahre Archäologischer Park Carnuntum

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs

Vor drei Jahrzehnten, am 9. Juni 1996, wurde der Archäologische Park Carnuntum feierlich eröffnet. Was heute als eine der eindrucksvollsten archäologischen Erlebnis- und Präsentationslandschaften Österreichs gilt, entstand jedoch nicht über Nacht. Hinter dem Park steht eine lange Entwicklung voller Forschungsarbeit, denkmalpflegerischer Herausforderungen und neuer Ideen im Umgang mit antikem Erbe.

Carnuntum war dabei immer mehr als ein Ort römischer Ruinen. Es war Forschungsstätte, Denkmal, Museum, Steinbruch, Sehnsuchtsort, Ausflugsziel und wissenschaftliche Herausforderung zugleich. Mit der Gründung des Archäologischen Parks begann daher nicht nur ein neues Kapitel für Besucherinnen und Besucher, sondern auch ein grundlegender Wandel im Umgang mit einem der bedeutendsten römischen Fundplätze Mitteleuropas.

Eröffnung des Museum Carnuntinum 1904
© Land NÖ

Eröffnung des Museums Carnuntinum 1904 - © Land NÖ

Der Beginn eines langen Weges

Carnuntum nimmt in der österreichischen Archäologie bis heute eine besondere Stellung ein. Da die antike Stadtlandschaft nicht dauerhaft überbaut wurde, blieb hier ein außergewöhnlich großes Forschungsfeld erhalten. Schon im 19. Jahrhundert erkannte man das Potenzial dieses Ortes: Carnuntum wurde systematisch untersucht, 1904 mit dem Museum Carnuntinum auch museal verankert und entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem zentralen Referenzpunkt der römischen Provinzialarchäologie am Donaulimes.

Doch die lange Forschungsgeschichte hatte auch ihre Schattenseiten. Viele frühe Ausgrabungen folgten noch Standards, die aus heutiger Sicht problematisch waren. Befunde wurden oft nur knapp dokumentiert, Mauern nach der Freilegung mit modernen Materialien gesichert oder ergänzt. Später war daher nicht immer eindeutig erkennbar, was tatsächlich antik war und was aus jüngeren Restaurierungen stammte. Carnuntum war damit beides zugleich: ein wissenschaftlicher Schatz von internationaler Bedeutung und eine denkmalpflegerische Herausforderung.

Luftbildaufnahme des Freilichtareals der Römerstadt Carnuntum, altes Foto mit den freigelegten Arealen um 1950
© Land Niederösterreich

Zustand des Freilichtareals von Carnuntum um 1950 - © Land NÖ

Forschung, Freilegung und erste Präsentationen

Ein wichtiger Schritt für die öffentliche Wahrnehmung Carnuntums war die Freilegung des Amphitheaters der Lagerstadt ab 1886 durch den Verein Carnuntum. Erstmals wurden die monumentalen Baureste nicht nur archäologisch untersucht, sondern auch sichtbar erhalten, konserviert und für Besucherinnen und Besucher zugänglich gemacht. Später rückte vor allem das Areal bei Schloss Petronell in den Mittelpunkt: Dort entstand zwischen 1948 und 1958 im sogenannten Spaziergarten ein Freilichtmuseum, das römische Stadtarchitektur anschaulich vermitteln sollte.

Für ihre Zeit waren diese Präsentationen wegweisend. Sie machten Carnuntum sichtbar, stärkten das öffentliche Interesse und trugen wesentlich dazu bei, den Ort als bedeutenden römischen Fundplatz bekannt zu machen. Zugleich zeigten sich mit der Zeit aber auch die Grenzen der damaligen Restaurierungspraxis. Antike Mauern wurden häufig mit grauem Zementmörtel gesichert, verschiedene Bauphasen standen oft ohne ausreichende Erklärung nebeneinander, und Bodenhorizonte oder funktionale Zusammenhänge blieben für das Publikum schwer verständlich. Nach mehreren Jahrzehnten hatten Frost, Feuchtigkeit und Materialspannungen den restaurierten Mauern stark zugesetzt. Die Ruinen wirkten nicht mehr wie ein klar lesbarer Ausschnitt einer antiken Stadt, sondern zunehmend wie ein schwer verständliches und gefährdetes Denkmal.

Steinmauern im Amphitheater, die stark beschädigt sind und auf Restaurierung warten.
© RSC

Witterungsschäden an den Schauruinen aus den 1950er Jahren und dem Originalmauerwerk - © Land NÖ

„Carnuntum, wir haben ein Problem“

Mitte der 1980er-Jahre spitzte sich die Situation zu. Viele der offen liegenden Ruinen waren stark beschädigt. Antiker Kalkmörtel war ausgewaschen, Fugen waren aufgefroren, moderne Ergänzungen lösten sich von der originalen Bausubstanz. Was einst freigelegt worden war, um Carnuntum sichtbar zu machen, war nun selbst gefährdet. Gleichzeitig geriet die archäologische Landschaft auch von außen unter Druck. Steinbrüche, neue Siedlungsflächen, landwirtschaftliche Eingriffe und Raubgrabungen bedrohten wichtige Fundbereiche. Betroffen waren unter anderem der Pfaffenberg mit seinem zentralen pannonischen Heiligtum, Teile der Lagerstadt, das Legionslager sowie bekannte und neu entdeckte Siedlungsareale in Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch-Altenburg.

Damit stand Carnuntum an einem Wendepunkt. Sollte der Ort weiterhin aus einzelnen Maßnahmen bestehen – hier eine Grabung, dort eine Restaurierung, daneben ein Museum? Oder brauchte es ein langfristiges Konzept für die gesamte antike Stadtlandschaft? Die Antwort kam 1988: Die Niederösterreichische Landesregierung beschloss im Rahmen des Regionalisierungsprogramms das „Projekt Carnuntum“. Damit wurde der Grundstein für eine neue Verbindung von Forschung, Denkmalpflege, Vermittlung und regionaler Entwicklung gelegt.

Spaziergarten um 1985
© Land NÖ

Luftbild des Freilichtareals von Carnuntum in den 1980er Jahren - © Land NÖ

Das Projekt Carnuntum

Der Beschluss von 1988 war weit mehr als eine touristische Initiative. Er zielte auf eine grundlegende Neuordnung der gesamten archäologischen Landschaft. Carnuntum sollte nicht nur bewahrt, sondern auch erforscht, restauriert, museal erschlossen und für die Öffentlichkeit verständlich vermittelt werden – als größtes archäologisches Reservat Österreichs. Geplant wurde das Projekt in mehreren Etappen. Im Mittelpunkt standen drei Kernzonen: der Museumsbezirk in Bad Deutsch-Altenburg mit dem Museum Carnuntinum, das Legionslager mit der Lagerstadt und dem Amphitheater I sowie die Zivilstadt Carnuntum rund um das antike Stadtviertel bei Schloss Petronell. Gerade diese Dreiteilung war wichtig, denn sie machte deutlich: Carnuntum ist kein einzelner Fundplatz, sondern eine vielschichtige römische Stadtlandschaft mit militärischen, zivilen, religiösen, wirtschaftlichen und repräsentativen Bereichen.

Schon 1988 setzte ein internationales Symposium in Bad Deutsch-Altenburg wichtige Impulse für den weiteren Umgang mit den Ruinen. In den folgenden Beratungen der Internationalen Carnuntum-Kommission und des Baubeirats entstand ein bewusst maßvolles Konzept. Carnuntum sollte weder zum „archäologischen Disneyland“ werden noch als vollständig wiedererrichtete antike Stadt erscheinen. Ziel war vielmehr eine wissenschaftlich begründete, überprüfbare und zurückhaltende Vermittlung – mit Restaurierungen und Rekonstruktionen, die erklären, ohne die antiken Befunde zu überdecken.

Grundsteinlegung 1989, LH Ludwig hält Carnuntumtafel in der Hand, auf Baustelle, herum andere Männer
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Landeshauptmann Siegfried Ludwig bei der Grundsteinlegung 1989 in Carnuntum - © Land NÖ

Grundsteinlegung 1989

Die Grundsteinlegung im Jahr 1989 markierte den Übergang von der Planung zur konkreten Umsetzung. In den folgenden Jahren wurde Carnuntum Schritt für Schritt neu geordnet. Das Museum Carnuntinum wurde restauriert und neugestaltet, im Bereich des Lageramphitheaters und der Zivilstadt fanden Nachgrabungen und Nachuntersuchungen statt, Ruinen wurden saniert und neu präsentiert. Zugleich entstanden wichtige Einrichtungen für den Besucherbetrieb, darunter ein Informationszentrum. Besonders deutlich zeigte sich der neue Zugang im sogenannten Spaziergarten bei Schloss Petronell. Dort wurden die älteren Restaurierungen nicht einfach übernommen, sondern kritisch überprüft. Problematische Ergänzungen wurden untersucht, Befunde neu bewertet und bauliche Zusammenhänge wissenschaftlich rekonstruiert.

Damit wurde die Denkmalpflege selbst zu einem Teil der Forschung. Es ging nicht mehr nur darum, römische Mauern zu erhalten, sondern auch darum zu verstehen, wie sie freigelegt, restauriert und im Lauf der Zeit präsentiert worden waren. Carnuntum wurde so nicht nur als antiker Ort, sondern auch als Ergebnis seiner eigenen Forschungsgeschichte neu lesbar.

    Impressionen der Eröffnungsfeier des Archäologischen Parks Carnuntum am 9. Juni 1996 - © Land NÖ

    Die Eröffnung 1996

    Am 9. Juni 1996 war es schließlich so weit: Der Archäologische Park Carnuntum wurde feierlich eröffnet. Nach Jahren der Planung, Forschung und Restaurierung verfügte Carnuntum nun über eine erste stabile Grundlage für den modernen Besucherbetrieb. Wichtige Bereiche waren saniert und erschlossen, die Infrastruktur war verbessert, neue Vermittlungsangebote waren entstanden und auch die museale Ausrichtung hatte an Klarheit gewonnen.

    Zur Eröffnung gehörte auch die Ausstellung „Reiter wie Statuen aus Erz“. Sie machte deutlich, dass Carnuntum nicht nur über Ruinen erzählt werden kann. Funde, Bilder, Inschriften, Skulpturen und Alltagsobjekte eröffneten weitere Zugänge zur römischen Stadt und zu ihren Bewohnerinnen und Bewohnern. Der neue Park verband damit mehrere Ebenen: die Landschaft, die freigelegten Baureste, das Museum, die Forschungsgeschichte und die Vermittlung.

    Ein weiterer wichtiger Schritt war die Gründung einer Betriebsgesellschaft im selben Jahr. Sie schuf die organisatorische Grundlage, um den Besucherbetrieb professionell zu führen, ohne die wissenschaftlichen, denkmalpflegerischen und didaktischen Ansprüche aus dem Blick zu verlieren. Genau darin lag ein zentrales Merkmal des Projekts: Der Archäologische Park Carnuntum entstand nicht durch eine Trennung von Forschung und Tourismus, sondern aus dem Versuch, beide Bereiche sinnvoll miteinander zu verbinden.

      Einladung und Programm zur Eröffnungsfeier 1996 - © Land NÖ

      ORF Fernsehbeitrag zur Eröffnungsfeier des Archäologischen Parks Carnuntum 1996 - © Land NÖ

      Rekonstruktionen als Vermittlungsstrategie

      Seit 2006 wurden die Rekonstruktionen in Carnuntum schrittweise erweitert. Sie prägen bis heute das Bild des Archäologischen Parks und werden immer wieder intensiv diskutiert. Ihr Zweck reicht jedoch weit über reine Anschaulichkeit hinaus. Sie schützen originale Befunde, machen archäologische Forschung räumlich erfahrbar und eröffnen einen unmittelbaren Zugang zur römischen Bau- und Alltagskultur.

      Zugleich sind Rekonstruktionen immer auch Deutungen. Sie können den Eindruck erwecken, die Vergangenheit sei eindeutig bekannt und vollständig wiederherstellbar. Gerade deshalb ist in Carnuntum wichtig, dass sie als wissenschaftlich begründete, überprüfbare und möglichst reversible Modelle verstanden werden. Sie zeigen keine endgültigen Wahrheiten, sondern plausible Forschungsbilder. Ihr Wert liegt darin, komplexe Befunde verständlich zu machen, ohne ihren Charakter als Interpretation zu verschleiern.

      Luftbild vom Freilichtareal in Carnuntum aus dem Jahr 2006 - Gebäude und Gelände sind abgebildet
      © Land NÖ

      Luftbild des Freilichtareals von Carnuntum im Jahr 2006 - © Land NÖ

      Von der Ruinenlandschaft zum digitalen Wissensraum

      Seit der Eröffnung 1996 hat sich der Archäologische Park Carnuntum stetig weiterentwickelt. Neue Vermittlungsformate, Führungen, Veranstaltungen, Schulprogramme und thematische Ausstellungen machten Carnuntum zu einem wichtigen kulturtouristischen Ort der Region. Zugleich blieb die wissenschaftliche Grundlage zentral. Moderne Prospektionsmethoden, 3D-Dokumentation und datenbasierte Forschungsansätze haben das Bild der antiken Stadt in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erweitert. Heute kann man diese Entwicklung auch digital erleben. Die VR-Experience in Carnuntum eröffnet neue Möglichkeiten, die Geschichte des Ortes anschaulich und immersiv zu vermitteln. In der „Carnuntum Experience“ begeben sich Besucherinnen und Besucher auf einen virtuellen Rundflug durch Carnuntum zur Römerzeit und gewinnen dabei völlig neue Blickwinkel auf die antike Metropole.

      Die Reise führt durch die Jahrhunderte: von der Blütezeit der Stadt bis zu ihrem allmählichen Verfall. Eindrucksvolle 3D-Visualisierungen machen sichtbar, wie sich Carnuntum veränderte – als Stadt, als Landschaft und als archäologischer Erinnerungsraum. Gerade im Jubiläumsjahr wird so erfahrbar, dass die Geschichte des Archäologischen Parks nicht nur chronologisch erzählt werden kann, sondern auch räumlich: als Wandel einer Landschaft, ihrer Forschung und ihrer Präsentation.

      LH Stellvertreter Pröll sitzt mit Publikum auf Holzsesseln in Freilichtgelände von Carnuntum bei Eröffnung 1996
      © Land NÖ

      Landeshauptmann Stellvertreter Erwin Pröll im Publikum bei der Eröffnungsfeier 1996 - © Land NÖ

      30 Jahre Archäologischer Park

      Das dreißigjährige Jubiläum des Archäologischen Parks Carnuntum ist daher mehr als ein Anlass zur Rückschau. Es zeigt, wie eng archäologische Forschung, Denkmalschutz, museale Vermittlung und regionale Verantwortung miteinander verbunden sind. Genau darin liegt heute die besondere Stärke Carnuntums: Die Ruinen sind nicht bloß konservierte Vergangenheit, die Rekonstruktionen nicht bloß Kulisse, das Museum nicht bloß Funddepot und die Vermittlung nicht bloß touristisches Zusatzangebot. Gemeinsam bilden sie einen Raum, in dem archäologische Forschung sichtbar, überprüfbar und verständlich wird. 

      Carnuntum zeigt zugleich, wann Rekonstruktionen wissenschaftlich sinnvoll sein können: wenn sie nicht an die Stelle der Forschung treten, sondern aus ihr hervorgehen. Sie sind Modelle, keine Gewissheiten; Interpretationen, keine Kopien; Vermittlungsinstrumente, keine Ersatzantike. Ihr Wert liegt darin, komplexe Befunde lesbar zu machen und zugleich offenzulegen, wie aus Fragmenten, Mauern, Funden und Spuren ein Bild vergangener Lebenswelten entsteht.

      Dreißig Jahre nach seiner Eröffnung steht der Archäologische Park Carnuntum damit für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit archäologischem Erbe: weg von der isolierten Ruine, hin zur erforschten, geschützten und vermittelten Stadtlandschaft. Die Geschichte Carnuntums beginnt lange vor 1996. Doch seit diesem Jahr besitzt sie eine Form, in der Forschung, Denkmalpflege und Öffentlichkeit dauerhaft miteinander verbunden sind. Genau darin liegt die bleibende Bedeutung dieses Projekts.

      Grabung 1950 im Spaziergarten, Mann sitzt auf Bank vor den Ruinen
      © Land Niederösterreich
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