Gebunden, verflucht, verborgen: Dunkle Magie im antiken Carnuntum
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer und Anna-Maria GrohsWenn sich rund um Halloween und Allerheiligen die Gedanken wieder stärker um Geister, Tod und das Übersinnliche drehen, lohnt sich ein Blick zurück in die Antike. Denn auch die Menschen im römischen Carnuntum versuchten, mit unsichtbaren Mächten in Kontakt zu treten – manchmal zu ihrem Schutz, manchmal mit weniger guten Absichten.
Ein eingeritzter Fluch auf einem dünnen Bleiblech, eine mit Einstichen übersäte Tonfigur oder eine Gemme mit einem hahnenköpfigen Mischwesen geben Einblicke in diese verborgene Seite des römischen Alltags. Sie erzählen von Aberglauben und dunkler Magie, von Angst und Hoffnung, Eifersucht und Rache – und vom Wunsch, übernatürliche Kräfte für die eigenen Ziele einzusetzen.
Kultinventar und Statuetten in einem Lararium im Römischen Stadtviertel - © T. Mauerhofer
Wenn Worte Macht erhalten
Religion und Magie waren in der Antike weniger klar voneinander getrennt, als moderne Begriffe vermuten lassen. Gebete, Opfer und Rituale sollten die Verbindung zu den Göttern herstellen und ihre Unterstützung sichern. Magische Praktiken verfolgten ähnliche Ziele, dienten jedoch meist individuellen Bedürfnissen und bewegten sich häufig außerhalb der offiziell anerkannten Kulte.
Antike Autoren unterschieden zwischen der gesellschaftlich akzeptierten religio und der als irrational oder übermäßig betrachteten superstitio. Was als legitime Religion und was als unerlaubte Magie galt, hing jedoch stark vom jeweiligen Standpunkt ab. Ein Ritual konnte für seine Auftraggeber selbstverständlich erscheinen, während es von Behörden, Philosophen oder konkurrierenden religiösen Gruppen als gefährlicher Zauber verurteilt wurde.
Vitrinen mit Kultobjekten in der Dauerausstellung im Museum Carnuntinum - © T. Mauerhofer
Allzeit beliebt: Schadenszauber
Besonders gefürchtet war der Schadenzauber. Obwohl entsprechende Praktiken bereits im Zwölftafelgesetz des 5. Jahrhunderts v. Chr. untersagt worden sein sollen, blieben sie im gesamten Römischen Reich verbreitet. Magie sollte Prozessgegner zum Schweigen bringen, Diebe bestrafen, Liebespartner binden oder Konkurrenten bei Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen ausschalten. Die erhaltenen Texte spiegeln damit keine abstrakte „Unterwelt“, sondern sehr konkrete Konflikte des täglichen Lebens wider.
Zu den häufigsten Zeugnissen antiken Schadenzaubers gehören die sogenannten Fluchtäfelchen, lateinisch tabulae defixionum. Meist bestanden sie aus dünnem Blei, in das Namen, Verwünschungen und magische Formeln eingeritzt wurden. Das leicht verfügbare und gut beschreibbare Metall wurde aufgrund seiner kalten, dunklen und schweren Beschaffenheit offenbar besonders mit der Welt der Toten verbunden.
Fluchtäfelchen (Inv.-Nr. CAR-M-4135), ursprünglich um einen dreikantigen Nagel gewickelt; unregelmäßige Form; Inschrift in lateinischer Sprache mit griechischen Textteilen verfasst - © NÖ Landessammlungen
Flüche auf Blei
Der Begriff defixio leitet sich von defigere, „festheften“ oder „festbinden“, ab. Der Fluch sollte sein Opfer im übertragenen Sinn binden – etwa dessen Sprache, Gedanken, Körper oder Handlungen. Die Täfelchen wurden gefaltet oder zusammengerollt und gelegentlich mit einem Nagel durchbohrt. Selbst die Schrift konnte „gebunden“ werden: durch verdrehte Buchstaben, Spiegelschrift, vertauschte Silben oder scheinbar sinnlose Zeichenfolgen.
Anschließend deponierte man die Täfelchen an Orten, die als Übergänge zur göttlichen oder unterirdischen Welt galten: in Gräbern, Brunnen, Schächten, Quellen, Heiligtümern oder unterirdischen Bereichen von Amphitheatern. Dort sollten Totengeister, Dämonen oder Unterweltsgottheiten die Botschaft empfangen und den Fluch vollstrecken. Auch die korrekte Durchführung war entscheidend. Fehler konnten den Zauber wirkungslos machen oder ihn nach antiker Vorstellung sogar gegen den Auftraggeber richten. Wohlhabendere Kunden dürften deshalb professionelle Magier oder Magierinnen aufgesucht haben, die über Formelsammlungen und besondere Ritualkenntnisse verfügten.
Totenbeschwörung und Unterweltsglaube
Eine besonders gefürchtete Form antiker Magie war die Nekromantie – die Beschwörung und Befragung Verstorbener, um verborgenes Wissen über Vergangenheit oder Zukunft zu erlangen. Anders als beim regulären Totenkult sollten die Toten dabei gezielt herbeigerufen oder für bestimmte Zwecke dienstbar gemacht werden.
Als besonders erreichbar galten Menschen, die gewaltsam, vorzeitig oder ohne ordnungsgemäße Bestattung gestorben waren und daher als ruhelos angesehen wurden. Gräber, Brunnen, Schächte und Höhlen galten entsprechend als mögliche Übergänge zur Unterwelt. Auch Fluchtäfelchen wurden deshalb in Gräbern niedergelegt: Der Tote sollte den Fluch übermitteln oder selbst zu dessen ausführender Kraft werden. Für Carnuntum ist bisher jedoch keine eigentliche Totenorakelstätte nachgewiesen.
Die Zauberpuppe (Inv.-Nr. FN 553/79) aus dem Heiligtum des Juppiter Heliopolitanus - © ÖAI (Leihgabe)
Eine Voodoo-Puppe aus Carnuntum?
Ein besonders eindrucksvoller Fund stammt aus dem Heiligtum des Iuppiter Heliopolitanus im östlichen Bereich der canabae legionis, der Zivilsiedlung rund um das Legionslager. Bei einer Umgestaltung des Heiligtums im späten 2. Jahrhundert n. Chr. wurde ein möglicherweise ehemaliger Brunnen verfüllt. Die Deponierung wird als rituelle Niederlegung oder als Entsorgung kultisch belasteter Gegenstände interpretiert. In einer der oberen Verfüllschichten kam der knapp sechs Zentimeter hohe Kopf einer grob geformten Tonfigur zum Vorschein. Das Gesicht ist nur schematisch gestaltet: Eine überdimensionierte Nase, ein vertiefter Mund und möglicherweise langes, gewelltes Haar prägen die Darstellung. Auffälliger sind zahlreiche Einstiche, die bereits vor dem Brand des Tons mit einem spitzen Werkzeug angebracht wurden. Zwei besonders tiefe Einstiche sitzen auf der Schädeloberseite, weitere konzentrieren sich auf die linke Gesichtshälfte.
Der fragmentierte Kopf gehörte wahrscheinlich zu einer hohlen Zauberfigur. Populär werden solche Objekte häufig als „Voodoo-Puppen“ bezeichnet, im antiken Zusammenhang dienten sie jedoch vor allem dem Binde- und Schadenzauber. Die Figur vertrat eine bestimmte Person, deren Körper symbolisch verletzt, gefesselt oder dem Willen des Auftraggebers unterworfen werden sollte. Magische Papyri beschreiben vergleichbare Rituale detailliert. Bei einem sogenannten „wunderbaren Liebeszwang“ sollte eine Figur mit dreizehn Nadeln durchbohrt werden – unter anderem an Gehirn, Augen, Ohren, Mund, Händen, Geschlechtsteilen und Fußsohlen. Jeder Stich wurde von einer gesprochenen Formel begleitet. Ziel war es, Denken, Wahrnehmung und Begehren der betroffenen Person vollständig auf den Auftraggeber auszurichten.
Ob der Carnuntiner Figurenkopf tatsächlich einem Liebeszauber, einem Racheakt oder einer anderen Form der Bindung diente, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Einstiche und der besondere Deponierungskontext zeigen jedoch, dass es sich kaum um eine gewöhnliche Spielfigur handelte. Das Objekt war Teil eines Rituals, in dem Bild, Wort und körperliche Manipulation miteinander verbunden wurden.
Magische Gemme (Inv.-Nr. CAR-GE-506) mit Abrasax-Darstellung - © NÖ Landessammlungen
Abrasax – ein Gott ohne Kult?
Nicht jedes magische Objekt sollte anderen schaden. Viele dienten vielmehr dem Schutz vor Krankheit, Neid oder dem „bösen Blick“. Ein Beispiel aus Carnuntum ist eine braunrote Jaspisgemme aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Auf ihrer Vorderseite erscheint eine Gestalt mit Hahnenkopf, menschlichem Oberkörper und schlangenförmigen Beinen. Darunter stehen die griechischen Buchstaben IAW – eine Wiedergabe des jüdischen Gottesnamens. Das Mischwesen wird als Abrasax oder Abraxas bezeichnet. Sein Name besitzt in der griechischen Zahlenschrift den Zahlenwert 365 und konnte so mit dem Jahr, dem Kosmos und seinen Kräften verbunden werden. Abrasax war keine Gottheit mit öffentlichen Tempeln und regulärem Kult. Er gehörte vielmehr zu einer multikulturellen magischen Vorstellungswelt, in der griechische, ägyptische und jüdische Elemente miteinander verschmolzen.
Solche Gemmen wurden als Amulette getragen. Bilder, Namen und Buchstaben sollten Krankheiten abwehren, Dämonen fernhalten oder ihrem Besitzer besondere Macht verleihen. Aus einer Carnuntiner Nekropole stammt außerdem ein griechisch verfasster Kopfwehzauber, der Artemis von Ephesos anruft. Das dünne Metallblech wurde vermutlich eingerollt und in einer Amulettkapsel am Körper getragen. Die Grenze zwischen „dunkler“ und schützender Magie war dabei keineswegs eindeutig. Wer einen Fluch fürchtete, konnte sich mit einem Amulett schützen. Wer sich betrogen oder bedroht fühlte, konnte den eigenen Schadenzauber als Wiederherstellung von Gerechtigkeit verstehen. Auch Phallusamulette, Glocken, magische Gemmen oder besondere Zeichen an Häusern und Kleidungsstücken sollten unsichtbare Gefahren abwehren.
Räucherschale (Inv.-Nr. CAR-K-3524) aus Keramik, verwendet bei kultischen Handlungen - © NÖ Landessammlungen
Die verborgenen Sorgen einer römischen Stadt
Die magischen Funde aus Carnuntum eröffnen einen seltenen Zugang zu persönlichen Erfahrungen, die in offiziellen Inschriften und monumentalen Bauten kaum sichtbar werden. Sie erzählen nicht von Kaisern, militärischen Siegen oder staatlichen Kulten, sondern von Krankheit, Liebeskummer, Konkurrenz, Rechtsstreitigkeiten und der Angst vor dem Einfluss anderer Menschen. Zugleich zeigen sie Carnuntum als Teil eines weit gespannten Kommunikationsraums. Rituale und Symbole, die in Ägypten, Kleinasien und im übrigen Mittelmeerraum verbreitet waren, gelangten bis an die Donau. Griechische Formeln, ägyptische Mischwesen, jüdische Gottesnamen und christliche Zeichen konnten hier nebeneinander Verwendung finden.
Die „dunkle Magie“ Carnuntums war daher keine abgeschlossene Gegenwelt zur Religion, sondern Teil der antiken Alltagskultur. Menschen versuchten mit ihrer Hilfe, Unsicherheit beherrschbar zu machen: mit einem Bleitäfelchen, einer durchbohrten Tonfigur oder einer magischen Gemme – verborgen niedergelegt, am Körper getragen oder der Unterwelt übergeben und bis heute erhalten.