Wohin mit dem Mist? Recycling, Abfall und Alltagsleben in der römischen Antike
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast, Susanne Lorenz und Doris Ziliachovinos - Redaktion: Thomas Mauerhofer, Anna-Maria GrohsWas ist Müll? Die aktuelle Ausstellung im Museum Auxiliarkastell Carnuntum stellt eine scheinbar einfache Frage – und führt damit mitten in den Alltag der römischen Antike. Denn Abfall war damals nicht einfach das, was übrig blieb. Ob ein Gegenstand wertlos war oder weiterverwendet werden konnte, hing von Material, Zustand und Bedarf ab.
Ein zerbrochener Topf, ein verbogener Nagel, ein alter Stoffrest oder ein Tierknochen mussten noch lange nicht nutzlos sein. Viele Dinge hatten ein zweites, drittes oder sogar viertes Leben. Sie wurden repariert, umgearbeitet, eingeschmolzen, zerkleinert oder in einem neuen Zusammenhang verwendet. Die Ausstellung zeigt damit anschaulich: Recycling ist keine Erfindung der Moderne. Nur die Gründe dafür waren andere.
Wiederverwendung aus Notwendigkeit
Heute verbinden wir Recycling meist mit Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit. In der römischen Antike stand eher die praktische Notwendigkeit im Vordergrund. Rohstoffe waren wertvoll, ihre Gewinnung und Verarbeitung aufwendig. Metall musste abgebaut, verhüttet und geschmiedet werden. Glas erforderte spezialisierte Produktion. Keramik und Ziegel mussten geformt, gebrannt und transportiert werden. Deshalb wurde Material möglichst lange genutzt.
Besonders Metall war zu kostbar, um es achtlos wegzuwerfen. Beschädigte Werkzeuge, Nägel, Beschläge oder Teile militärischer Ausrüstung konnten gesammelt und wieder eingeschmolzen werden. Auch Glas ließ sich gut recyceln: Zerbrochene Gefäße wurden zu Rohstoff für neue Produkte. Für die Archäologie bedeutet das: Gerade wertvolle Materialien fehlen im Boden oft nicht deshalb, weil sie selten waren, sondern weil sie konsequent wiederverwertet wurden.
Impressionen aus der Sonderausstellung im Museum Auxiliarkastell Carnuntum - © D. Ziliachovinos
Vom Gefäß zum Baustoff
Keramik stellte einen Sonderfall dar. Ein zerbrochener Topf konnte nicht eingeschmolzen werden. Dennoch war er nicht automatisch wertlos. Scherben konnten als Deckel, Unterlage, Schreibfläche oder Hilfsmittel im Haushalt weiterverwendet werden. In größerer Menge fanden Keramik- und Ziegelfragmente vor allem im Bauwesen eine neue Funktion.
Zerkleinerter Ziegelbruch wurde Mörtel oder Estrich beigemischt. Solche Materialien konnten Böden und Wandverkleidungen widerstandsfähiger machen. Auch Fundamentierungen, Auffüllungen, Straßenbeläge oder Reparaturen konnten mit Bruchmaterial ausgeführt werden. Was heute als Bauschutt erscheinen würde, war in der Antike oft ein brauchbarer Baustoff. In Carnuntum ist diese Praxis besonders gut nachvollziehbar. Die römische Stadt wurde über Jahrhunderte gebaut, umgebaut, repariert und verändert. Dabei konnten ältere Bauteile, Ziegelreste, Keramikfragmente und Steinschutt direkt vor Ort wieder eingesetzt werden. Recycling war also nicht nur sparsam, sondern auch effizient: Es verkürzte Wege, senkte Aufwand und machte vorhandene Ressourcen nutzbar.
Luftbild des rekonstruierten Stadtviertels der Römerstadt Carnuntum - © T. Mauerhofer
Carnuntum als Stadt der Materialkreisläufe
Carnuntum bildete mit seinem Legionslager, Auxiliarkastell, Lagerstadt, Zivilstadt, Straßen, Gräberfelder, Heiligtümer, Werkstätten und Wohnbereiche eine dichte Siedlungslandschaft. Hier bewegten sich Menschen, Waren, Tiere und Rohstoffe in großem Umfang. Diese Bewegung hinterließ Spuren. Haushalte produzierten Speisereste, Asche, zerbrochene Gefäße und beschädigte Alltagsgegenstände. Werkstätten hinterließen Produktionsabfälle. Baustellen erzeugten Schutt.
Das Militär brachte standardisierte Ausrüstung, Versorgungsgüter und große Mengen an Verbrauchsmaterial in Umlauf. Was davon nach Gebrauch, Reparatur oder Wiederverwertung übrig blieb, gelangte in Gruben, Gräben, Auffüllschichten oder Straßenbereiche. Der Müll Carnuntums ist deshalb kein zufälliger Rest. Er ist ein Archiv des Alltags. Er zeigt, welche Materialien verwendet wurden, wie Versorgung funktionierte und welche Tätigkeiten in den verschiedenen Bereichen der Stadt stattfanden.
Pferdeskelett aus dem Bereich um das Auxiliarkastell in Carnuntum - © ÖAI/Zimmermann 1990
Ein Wehrgraben als Entsorgungsort
Besonders anschaulich wird dies im Bereich des Auxiliarkastells. Dort wurde ein ehemaliger Wehrgraben nach seiner militärischen Aufgabe als Entsorgungsort genutzt. In seiner Verfüllung fanden sich Speise- und Schlachtabfälle, aber auch größere Teile von Tierkörpern, darunter Pferde, Maultiere und Esel. Manche Knochen lagen noch im anatomischen Verband. Solche Funde zeigen, wie vielfältig antiker „Müll“ sein konnte. Er bestand nicht nur aus Essensresten und zerbrochenen Gefäßen, sondern auch aus handwerklichen Rückständen, Bauschutt, unbrauchbaren Objekten und toten Tieren. Zugleich geben diese Ablagerungen Hinweise auf Hygiene, Organisation und Entsorgung in einer dicht genutzten römischen Siedlung.
Ausstellungsvitrine mit Tierresten aus Carnuntum - © N. Kirchengast
Tierknochen erzählen vom Alltag
Tierreste gehören in Carnuntum neben Keramik zu den häufigsten Funden. Auf den ersten Blick wirken sie unscheinbar. Bei genauer Untersuchung werden sie jedoch zu einer wichtigen Quelle für Ernährung, Tierhaltung, Handwerk und Abfallpraxis. In Carnuntum sind vor allem die Nutztierarten Rind, Schwein, Schaf und Ziege häufig belegt. Hinzu kommen Pferde, Hunde, Katzen und vereinzelt Wildtiere. Schnitt-, Hack- und Brandspuren zeigen, wie Tiere geschlachtet, zerlegt, gekocht, gebraten oder geräuchert wurden.
Doch Tiere lieferten nicht nur Fleisch: Knochen, Horn, Geweih, Haut, Sehnen und Fett konnten weiterverwendet werden. Aus geeigneten Knochenstücken entstanden etwa Nadeln, Haarnadeln, Spielsteine, Griffe oder Beschläge. Auch hier zeigt sich: Was als Abfall erscheint, war oft Teil eines größeren Nutzungssystems.
Südstraße im rekonstruierten Stadtviertel der Römerstadt Carnuntum - © T. Mauerhofer
Keine saubere Recycling-Utopie
Trotz aller Wiederverwendung sollte man die Antike nicht idealisieren. Eine Müllabfuhr im modernen Sinn gab es nicht. Abfälle wurden meist dort entsorgt, wo Platz war: in Höfen, Gruben, aufgegebenen Brunnen, Gräben, Straßenrandbereichen oder außerhalb der Siedlung. Auch Latrinen und Kanäle konnten Abfälle aufnehmen, waren aber keine umfassenden Entsorgungssysteme. Müll war daher ein sichtbarer und mitunter unangenehmer Teil des Alltags.
Organische Reste, Asche, Scherben, Bauschutt und Fäkalien konnten hygienische Probleme verursachen. Antike Vorschriften gegen das Abladen von Mist und Unrat zeigen, dass Verschmutzung des öffentlichen Raumes durchaus als Problem wahrgenommen wurde. Die römische Welt war also keine vorbildliche Kreislaufgesellschaft im heutigen Sinn. Sie war eine Gesellschaft, in der vieles wiederverwendet wurde, weil Material wertvoll war – und in der Entsorgung dennoch schwierig blieb.
Ausstellungsraum im Museum Auxiliarkastell Carnuntum - © N. Kirchengast
Was Müll über eine Gesellschaft verrät
Gerade deshalb ist die Ausstellung im Museum Auxiliarkastell Carnuntum so aktuell. Sie zeigt, dass der Umgang mit Ressourcen immer von den Bedingungen einer Gesellschaft abhängt. Die Römer lebten ohne Plastik, Einwegverpackungen und industrielle Massenproduktion. Viele ihrer Abfälle bestanden aus Keramik, Metall, Glas, Holz, Knochen, Leder oder organischem Material. Vieles davon konnte repariert, umgearbeitet, recycelt oder zumindest in anderer Form weitergenutzt werden.
Für die Archäologie ist dieser Müll eine Quelle ersten Ranges. Repräsentative Bauten, Inschriften oder Kunstwerke zeigen oft, wie Menschen gesehen werden wollten. Abfall zeigt, was im Alltag tatsächlich geschah. Keramikscherben erzählen von Kochen, Essen und Handel. Tierknochen berichten von Ernährung, Schlachtung und Tierhaltung. Bauabfälle verweisen auf Reparaturen und Umbauten. Metall- und Glasreste machen Handwerk und Wiederverwertung sichtbar.
Verbindung zum heutigen Recyclinggedanken in der Ausstellung - © N. Kirchengast
Das vielfältige Leben der Dinge
Die Ausstellung führt damit vor Augen, dass Dinge in der römischen Antike selten nur eine einzige Funktion hatten. Ein Gefäß konnte zerbrechen und dennoch weiterverwendet werden. Ein Ziegel konnte aus einem älteren Bau stammen und in einer neuen Konstruktion landen. Ein Tierknochen konnte Speiserest, Rohstoff oder archäologische Quelle sein. Der römische Müll aus Carnuntum erzählt daher nicht nur vom Wegwerfen. Er erzählt vom Nutzen, Umnutzen und Weiterverwenden. Gerade darin liegt der Reiz der Ausstellung: Sie lässt die römische Antike nicht über Monumente sprechen, sondern über Scherben, Knochen, Schutt und Reste – und damit über den Alltag, aus dem Geschichte gemacht ist.