Wissenschaft

Der Jupiter-Dolichenus-Kult in Carnuntum – Begegnung von Orient und Okzident

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer und Anna-Maria Grohs
Metallfigur des Gottes Jupiter Dolichenus, Gotts steht in Rüstung auf Stier

Religion ist heute wie in der Antike ein Kulturträger, der den Gläubigen neben dem eigentlichen Ritus eine Fülle von Gepflogenheiten und Verhaltensregeln vermittelt. Gerade diese Konventionen halfen den Menschen der Antike sich auch abseits ihrer ursprünglichen Heimat zurechtzufinden, eine Funktion die Religion auch heute noch für viele Menschen übernimmt.

Ein als Priester verkleideter Reenactor gießt Flüssigkeit in ein Weihfeuer, wodurch Funken hochsteigen.
© Römerstadt Carnuntum

Opferhandlung beim Römerfest in der Römerstadt Carnuntum - © T. Mauerhofer 

Ein Gott aus dem Osten

Im Römischen Reich war der Kult des Jupiter Dolichenus ein eindrucksvolles Beispiel für die Verschmelzung orientalischer und römischer Glaubensvorstellungen. Dieser Mysterienkult hatte seinen Ursprung in Doliche (heute Dülük in der Türkei) in der römischen Provinz Syria, wo der semitische Wettergott Hadad verehrt wurde. 

Als die Römer 30 v. Chr. das Königreich Kommagene übernahmen, wurde Hadad dem römischen Gott Jupiter gleichgestellt, woraus sich der Kult des Jupiter Dolichenus entwickelte. Der Gott wurde als mächtige Gestalt dargestellt – ein bärtiger Gott, der auf einem Stier steht, bewaffnet mit Blitzbündeln und der Doppelaxt, Zeichen seiner Herrschaft über Himmel und Wetter. 

Steinstatue des Jupiiter Dolichenus, Gott mit Axt, Mantel und Rinderkopf dargestellt
© NÖ Landessammlungen

Statue des Jupiter Dolichenus, Fundort Pfaffenbrunnwiese (Inv.-Nr. CAR-S-9) - © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail)

Mit den Soldaten durch das Römische Reich

Besonders das römische Militär spielte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung dieses Kultes. Soldaten brachten den Glauben an Jupiter Dolichenus in die militärischen Grenzgebiete, etwa an die Donau und den Rhein und bis nach Britannien und Nordafrika. Die militärische Prägung des Kultes zeigt sich auch in der Darstellung des Gottes in der Rüstung eines römischen Feldherrn mit Panzer und Mantel. Auffällig ist dabei, dass dieser Mysterienkult, anders als der Mithraskult, auch Frauen miteinbezog. Diese durften den Kult als Anhängerinnen der Iuno Regina, der Gemahlin Jupiters, ausüben.

Mithras Relief in der Mithrasgrotte, unbeleuchtet, Jahreszeitenaltar davor
© Römerstadt Carnuntum

Die Mithrasgrotte im Erdgeschoss des Museums Carnuntinum - © T. Mauerhofer 

Carnuntum – ein Zentrum des Jupiter-Dolichenus-Kultes

Ein bedeutendes Zentrum des Jupiter-Dolichenus-Kultes im römischen Reich war Carnuntum, als strategischer Außenposten an der Donaugrenze neue Heimat für viele Soldaten aus allen Provinzen des Imperiums. Auf der sogenannten Pfaffenbrunnwiese in Petronell, entdeckte man 1891 einen Tempel und ein dazugehöriges Vereinshaus, in dem die Mitglieder des Kultes zusammenkamen. Diese Fundstätte zählt zu den wichtigsten archäologischen Entdeckungen des Jupiter-Dolichenus-Kultes. Das Heiligtum, das Teil eines größeren, von einer Mauer umgebenen Kultbezirks war, enthielt beeindruckende Relikte, darunter eine marmorne Statue des Gottes und zahlreiche Weihegaben.

Steinaltar für den Gott Jupiter Dolichenus, heller Stein mit Inschrift
© NÖ Landessammlungen

Altarförmige Basis für Dolichenusstatue (Inv.-Nr. CAR-S-295) - © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum (Foto: N.Gail)

Eine Kultgemeinde mit eigenem Jugendbund

In Carnuntum ist die Verehrung des Jupiter Dolichenus schon seit der Zeit Kaiser Hadrians (117–138 n. Chr.) belegt. Eine Inschrift auf dem Pfaffenberg weist darauf hin, dass es hier bereits früh eine blühende Kultgemeinde gab, die sogar über einen eigenen Jugendbund (iuventus colens Iovem Dolichenum) verfügte:

Inschrift vom Pfaffenberg auf Steinplatte mit Erwähnung des Jugendbundes des Dolichenus
© NÖ Landessammlungen

© Landessammlungen NÖ

Pro sal(ute) Imp(eratoris) C/aes(aris) Tra(iani) Hadri(ani)
Aug(usti) / p(atris) p(atriae) porta(m) et muru(m) per / pedes
lon(gum) C altu(m) p(edes) VII / iuvent(us) colens Iove(m)
Doli/chen(um) inpe(n)sa sua fec(it)

„Zum Heile des Imperators Caesar Traianus Hadrianus Augustus, Vaters des Vaterlandes, hat der Jugendbund des Jupiter Dolichenus-Kultes (von Carnuntum) das Eingangstor und die Mauer von 100 Fuß Länge und 7 Fuß Höhe aus eigenen Mitteln errichten lassen.“ (AE 1936, 132)

Steinstatue des Jupiiter Dolichenus, Gott mit Axt, Mantel und Rinderkopf dargestellt
© Landessammlungen NÖ

Relief des Jupiter Dolichenus mit Weihinschrift auf Postament (Inv.-Nr. CAR-S-90) - © Landessammlungen NÖ

Das Ende eines weitgereisten Kultes

Diese Gemeinschaft, bestehend aus einer Priesterschaft und Kultpersonal, hielt regelmäßig religiöse Zeremonien und gemeinsame Kultmahlzeiten ab, um den Gott zu ehren. Mit der Zerstörung Doliches durch die Perser im Jahr 253 n. Chr. begann der Niedergang des Kultes. Trotzdem bleibt der Jupiter-Dolichenus-Kult ein Sinnbild für die religiöse und kulturelle Vielfalt, die das römische Reich prägte, und zeigt, wie religiöse Traditionen über Kontinente hinweg adaptiert und verbreitet wurden. Besonders Carnuntum bietet ein beeindruckendes Zeugnis für diese kulturelle Verschmelzung und die Bedeutung orientalischer Götter in den westlichen Provinzen des Römischen Reiches.

© Römerstadt Carnuntum
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