Wie klang Carnuntum? Antike Musik zwischen Militär, Kult und Unterhaltung
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer und Anna-Maria GrohsWie klang eine römische Stadt? Wer heute durch die Römerstadt Carnuntum spaziert, erhält einen Eindruck von der antiken Architektur und dem Alltagsleben der einstigen Metropole an der Donau. Eine Dimension dieser Lebenswelt ist archäologisch jedoch deutlich schwerer zu erfassen: ihr Klang.
Carnuntum war keineswegs still. Stimmen, Händler, Handwerker, Tiere und Wagen prägten die Geräuschkulisse von Straßen und Plätzen. Auch Musik gehörte zum Alltag. Trompetensignale strukturierten den militärischen Dienst, Rohrblattinstrumente begleiteten Opferhandlungen, bei Festen und Theateraufführungen erklangen Instrumente und Gesang. Ebenso war Musik bei privaten Gelagen, Hochzeiten und Begräbnissen präsent.
Mitglied der Gruppe Ars Serena mit Leier/Lyra in der Therme im Römischen Stadtviertel - © T. Mauerhofer
Die Klangwelt des Imperiums
Für Carnuntum lässt sich diese Klangwelt nur ausschnitthaft rekonstruieren. Musik verschwindet in dem Moment, in dem sie erklingt, und viele Instrumente bestanden zumindest teilweise aus vergänglichen Materialien. Archäologische Funde, bildliche Darstellungen, Inschriften und antike Texte erlauben es dennoch, einzelne Stimmen dieses längst verklungenen Laute wieder hörbar zu machen. Römische Musik war keineswegs ausschließlich „römisch“. Besonders stark waren griechische und hellenistische Traditionen: Instrumente, musikalische Ausbildung, Theatermusik und Formen virtuosen Musizierens wurden über Jahrhunderte übernommen, verändert und in neue soziale Zusammenhänge integriert. Hinzu kamen musikalische Traditionen religiöser Kulte aus Ägypten oder Kleinasien. Das Ergebnis war eine ausgesprochen vielfältige Klanglandschaft.
Musiker Hagen Pätzold beim Cornu spielen am Römerfest 2025 - © T. Mauerhofer
Musik beim Militär
Besonders unmittelbar begegnet uns Musik im militärischen Bereich. Das römische Heer verwendete Blasinstrumente nicht primär zur Unterhaltung, sondern vor allem zur Kommunikation. In einer Zeit ohne Funkgeräte oder Lautsprecher mussten Befehle über große Entfernungen eindeutig und unüberhörbar übermittelt werden. Zu den wichtigsten Instrumenten gehörten tuba und cornu. Die langgestreckte tuba entsprach einer geraden Trompete, während das cornu ein großes, ringförmig gebogenes Horn war. Beide konnten Signale geben, Wachablösungen ankündigen oder festliche Aufmärsche begleiten.
Cornu – Signalhorn (Privatsammlung) - © Landessammlungen NÖ
Wer sich morgens einem römischen Legionslager näherte, konnte daher wahrscheinlich schon aus einiger Entfernung hören, dass der militärische Tagesbetrieb begonnen hatte. Bestimmte Signale regelten Bewegungen, Dienste und Abläufe. Andere Instrumente erklangen bei Paraden, religiösen Handlungen oder öffentlichen Zeremonien. Diese Musiker waren keine gelegentlich musizierenden Soldaten. Das Heer verfügte über spezialisierte tubicines, cornicines und bucinatores. Militärmusiker erfüllten eine definierte Funktion innerhalb der Truppe und konnten auf ihre Tätigkeit durchaus stolz sein. Denn ihr Instrument war im entscheidenden Moment Kommunikationsmittel, Orientierungshilfe und akustisches Symbol militärischer Ordnung zugleich.
Tülle (Inv.-Nr. CAR-M-2669) und Rohrfragment eines cornu (Inv.-Nr. CAR-M-2673) - © Landessammlungen NÖ
Ein Trompeter aus Carnuntum
Besonders eindrucksvoll wird diese ansonsten abstrakte Welt durch einen Carnuntiner, dessen Stimme zwar verstummt ist, dessen Beruf aber in Stein erhalten blieb: Caius Valerius Her(-), ein tubicen der legio XV Apollinaris. Auf seinem Grabstein ist nicht nur sein Beruf als Legionstrompeter überliefert. Die Darstellung zeigt auch die tuba – jenes Instrument, das seinen militärischen Alltag geprägt hatte. Damit besitzt Carnuntum einen außergewöhnlich anschaulichen Beleg für die Bedeutung der Militärmusik.
C(aius) Valerius C(ai) f(ilius) / Ser(gia) Her(…?) tub(icen) / mil(es) leg(ionis) XV / Apoll(inaris) stip(endiorum) / XVI ann(orum) / XXXVI / h(ic) s(itus) e(st) / Vivite felices / quibus est dat/a longiar ora / Vixi ego dum licu/it dulciter ad supe/ros. Dicite si merui / sit tibi ter(r)a / levis
»Caius Valerius, Sohn des Caius, von der Tribus Sergia, aus Her..?, Tubabläser, Soldat der 15. Legion Apollinaris, 16 Dienstjahre, 36 Jahre alt, liegt hier begraben. Lebet glücklich, die ihr noch eine längere Lebenszeit habt. Solange es mir vergönnt war, habe ich angenehm gelebt. Sagt den Göttern, wenn ich es verdient habe. Die Erde sei dir leicht.«
Inv.-Nr. CAR-S-930 - © Landessammlungen NÖ
Mitglied der Gruppe Ars Serena beim Doppelflötenspiel - © T. Mauerhofer
Musik für die Götter
Musik strukturierte jedoch nicht nur das militärische Leben. Auch die Kommunikation mit den Göttern hatte ihre eigene Klangwelt. Bei römischen Kulthandlungen waren das richtige Wort, der richtige Rhythmus und der korrekte Ablauf entscheidend. Hymnen konnten von Priestern oder Chören gesungen werden; Musik begleitete Opfer, Prozessionen und Zeremonien. Besonders eng mit dem Opfer verbunden war die tibia und ihr Spieler, der tibicen.
Die Bezeichnung „Flöte“, die gelegentlich für die tibia verwendet wird, vermittelt dabei einen falschen Eindruck. Das Instrument bestand meist aus zwei gleichzeitig gespielten Rohren und funktionierte mit Rohrblättern – sein Klang dürfte daher eher an ein sehr durchdringendes Doppelrohrblattinstrument erinnert haben als an eine moderne Flöte. Archäologische Exemplare zeigen teilweise komplexe Konstruktionen aus Bein und Metall mit Mechanismen zur Veränderung der Tonalität. Während des Opfers hatte die Musik eine konkrete religiöse Funktion. Sie erzeugte nicht einfach eine feierliche Atmosphäre, sondern war Teil des Rituals selbst.
Flöte/Pfeife aus Bein (Inv.-Nr. CAR-OR-10)- © Landessammlungen NÖ
Ekstase, Rhythmus und fremde Götter
Noch wesentlich lauter konnte es bei anderen Kulten werden. Mit Dionysos beziehungsweise Bacchus wurden tibiae, Trommeln, Zimbeln und weitere Rhythmusinstrumente verbunden. In bildlichen und schriftlichen Quellen erscheint das Gefolge des Gottes als geradezu überwältigende Klangkulisse aus Musik, Tanz und Bewegung. Die Musik sollte dabei nicht beruhigen, sondern im Gegenteil zur Ekstase beitragen. Auch aus dem Isis- und Kybelekult sind charakteristische Instrumente bekannt. Das metallene sistrum erzeugte beim Schütteln einen hellen, rasselnden Klang. Im Kult der Kybele erklangen unter anderem tympana, besondere phrygische tibiae und bronzene Zimbeln. Kultpersonal, Hymnen, Musik und Tanz gehörten gemeinsam zu einem spezifischen religiösen Zeremoniell.
Mitglied der Gruppe Ars Serena mit Leier/Lyra am Römerfest 2025 - © T. Mauerhofer
Der Soundtrack der Unterhaltung
Musik gehörte ebenso zur öffentlichen Unterhaltung. Theateraufführungen waren ohne musikalische Begleitung kaum vorstellbar. Auch Pantomimen, Tänzer und Sänger wurden instrumental begleitet. Eine wichtige Rolle spielte Musik außerdem bei Veranstaltungen in den Arenen. Trompeten und Hörner konnten den Beginn bestimmter Programmpunkte anzeigen, während Musiker das Geschehen begleiteten und auf Vorgänge in der Arena reagierten. Dabei dürfte die Lautstärke nicht unwesentlich gewesen sein: Musik musste sich gegen die Stimmen eines großen Publikums behaupten können. Neben tuba, cornu und tibia besaß die römische Unterhaltungskultur sogar ein Instrument, das überraschend modern erscheint: die Orgel.
Die sogenannte hydraulis, die Wasserorgel, war bereits seit hellenistischer Zeit bekannt. Wasser erzeugte dabei nicht selbst den Klang, sondern stabilisierte den für die Pfeifen benötigten Luftdruck. Orgeln wurden in Theatern und Arenen ebenso verwendet wie bei privaten Veranstaltungen. Ein besonders berühmtes Exemplar stammt aus Aquincum, dem heutigen Budapest – also ebenfalls aus einer bedeutenden römischen Stadt an der Donau.
Mitglieder der Gruppe Ars Serena beim Musizieren im Römischen Stadtviertel - © T. Mauerhofer
Musik zu Hause
Doch nicht jede Musik benötigte ein großes Publikum. Bei privaten Festen und Gastmählern konnten Sängerinnen und Sänger, tibiae-Spieler oder Musiker mit Lyra und Kithara auftreten. Musik galt besonders im Umfeld luxuriöser Bankette als Ausdruck gehobener Lebensführung – gleichzeitig wurde genau dieser Luxus von konservativen römischen Autoren immer wieder kritisiert. Saiteninstrumente wie Lyra und Kithara standen stark unter griechischem Einfluss. Die kleinere Lyra konnte zur Begleitung des Gesangs dienen, während die größere und aufwendiger gebaute Kithara ein ausgesprochen anspruchsvolles Konzertinstrument war.
Musik konnte dabei durchaus zum gesellschaftlichen Statussymbol werden. Erfolgreiche Sänger, Instrumentalisten und Pantomimen erreichten in der Kaiserzeit beträchtliche Berühmtheit. Antike Autoren berichten von begeisterten Fangemeinden, prominenten Virtuosen und hohen Honoraren. Die Mechanismen eines „Starkults“ sind also keineswegs eine Erfindung der modernen Popkultur.
Mitglied der Gruppe Ars Serena mit Leier/Lyra am Römerfest 2025 - © T. Mauerhofer
Wenn Carnuntum wieder hörbar wird
Wie aber klang diese Musik tatsächlich? Gerade hier stößt die Archäologie an ihre Grenzen. Instrumente lassen sich rekonstruieren, ihre Tonumfänge untersuchen und teilweise experimentell nachbauen. Schriftquellen beschreiben Klänge als rau, grell, dumpf, schrill oder bedrohlich, Bilder zeigen Ensembles und Spielsituationen.
Melodien, Rhythmus, Intonation und musikalische Konventionen sind hingegen nur fragmentarisch überliefert. Antike Beschreibungen vermitteln jedenfalls den Eindruck einer bisweilen enormen akustischen Intensität: Ein literarisches Bild beschreibt einen bacchantischen Zug mit geschlagenen tympana, klingendem Erz, dumpf aufdröhnenden Hörnern und einer „barbarischen“ Flöte mit kreischendem Ton. Wie diese Musik einst tatsächlich klang, lässt sich heute nicht mehr vollständig rekonstruieren. Bei den Römerfesten in Carnuntum bringen Musikerinnen und Musiker auf rekonstruierten Instrumenten jedoch zumindest einen Teil dieser antiken Klangwelt wieder zum Klingen – und machen damit eine Seite des römischen Alltags erfahrbar, die archäologische Funde allein kaum vermitteln können.