20 Jahre Haus des Lucius – Vom Mauerrest zum römischen Wohnhaus
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer, Anna-Maria GrohsVor zwanzig Jahren begann in Carnuntum ein Projekt, das die archäologische Vermittlung in Österreich nachhaltig verändern sollte: Mit der Eröffnung des Hauses des Lucius im Jahr 2006 entstand erstmals ein wissenschaftlich fundierter Rekonstruktionsbau, der römisches Alltagsleben in Originalgröße erfahrbar machte.
Was auf den ersten Blick wie ein bewohntes römisches Stadthaus wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis intensiver archäologischer Forschung, denkmalpflegerischer Abwägung, handwerklicher Rekonstruktion und experimenteller Archäologie. Das Haus steht nicht nur für römisches Wohnen vor rund 1.700 Jahren, sondern auch für einen neuen Umgang mit archäologischen Befunden: Aus wenigen erhaltenen Mauerzügen, Baugruben, Böden, Heizkanälen und Fundmaterial wurde ein räumlich erfahrbares Modell römischen Lebens.
Areal des Haus des Lucius vor den Grabungsarbeiten Anfang der 2000er Jahre und der Gebäuderekonstruktion - © Land NÖ
Vom archäologischen Befund zum Wohnraum
Anders als viele andere römische Städte an der Donau wurde Carnuntum nach der Antike nicht dauerhaft überbaut. Die antiken Mauern verschwanden nicht unter mittelalterlichen und neuzeitlichen Städten, sondern blieben großteils im Boden erhalten – oft nur wenige Zentimeter unter der heutigen Oberfläche. Gerade diese besondere Erhaltungssituation brachte jedoch auch Herausforderungen mit sich. Die freigelegten Ruinen im sogenannten Spaziergarten, dem heutigen römischen Stadtviertel in der Römerstadt Carnuntum, waren über Jahrzehnte der Witterung ausgesetzt. Ältere Restaurierungen mit Zementmörtel hatten den antiken Mauern zusätzlich geschadet. Feuchtigkeit konnte nicht mehr richtig abfließen oder der Frost sprengte Fugen auf. Für Besucherinnen und Besucher war es oft kaum möglich, aus niedrigen Mauerzügen eine römische Stadt oder ein Wohnhaus zu erkennen.
Deshalb begann man in Carnuntum einen neuen Weg einzuschlagen. Die Befunde wurden nach modernen archäologischen Standards neu untersucht, konserviert und dort, wo es wissenschaftlich vertretbar war, in die dritte Dimension zurückgeführt. Das Ziel war nicht, eine frei erfundene Antike zu erschaffen, sondern ein nachvollziehbares Modell römischer Bau- und Wohnkultur auf Grundlage der archäologischen Evidenz. Rekonstruktion wurde hier nicht als bloße Kulisse verstanden, sondern als Mittel, um Forschungsergebnisse sichtbar, begehbar und verständlich zu machen.
Grabungsarbeiten auf den Gebäudeparzellen Haus I und II vor der Rekonstruktion - © Land NÖ
Haus II: Ein römisches Stadthaus entsteht neu
Das sogenannte Haus des Lucius (in der Grabungsdokumentation als Haus II bezeichnet) liegt unmittelbar östlich des Haus des Ölhändlers im römischen Stadtviertel. Erstmals ergraben in den 1950er Jahren, wurde die Parzelle zwischen 2003 und 2005 archäologisch nachuntersucht. Dabei zeigte sich, dass dieser Ort über Jahrhunderte hinweg genutzt und mehrfach umgebaut worden war. Insgesamt ließen sich mehrere Bauphasen vom späten 1. Jahrhundert bis in das fortgeschrittene 4. Jahrhundert n. Chr. nachweisen. Die frühesten Spuren bestanden noch aus Holzbauten, Pfostenstellungen, Balkengräben und einfachen Nutzungshorizonten. Erst später entwickelte sich daraus ein steinernes Wohnhaus mit Hof, Wirtschaftsbereich und Garten.
Die heute sichtbare Rekonstruktion orientiert sich vor allem an der spätantiken Bauphase des frühen 4. Jahrhunderts. Damals bestand das Grundstück aus einem Wohnbereich im Süden, einem Garten, einem zentralen Kernbau mit Korridor und mehreren Räumen sowie einem nördlichen Wirtschaftsbereich an der Südstraße. In diesem Bereich wurden auch Hinweise auf gewerbliche Tätigkeiten festgestellt, darunter Brennöfen für keramische Produkte.
Impressionen aus dem rekonstruierten Haus des Lucius - © T. Mauerhofer
Warum „Haus des Lucius“?
Der Name „Haus des Lucius“ ist bewusst erzählerisch gewählt. Er verweist auf Lucius Maticeius Clemens, der inschriftlich in Carnuntum belegt ist und als möglicher Hausbesitzer in die Vermittlung eingebunden wurde. Ob genau dieser Lucius tatsächlich in diesem Haus lebte, lässt sich archäologisch nicht beweisen. So wird das Haus nicht als abstraktes Museumsobjekt präsentiert, sondern als scheinbar bewohnter Ort. Möbel, Wandverputz, Böden, Türen, Fenster, Küche, Heizung und Garten ergeben zusammen eine räumliche Erzählung. Man betritt nicht nur ein rekonstruiertes Gebäude, sondern eine mögliche Alltagssituation des spätantiken Carnuntum.
Das Haus des Lucius blieb in Carnuntum kein Einzelstück. In den folgenden Jahren wurden im Archäologischen Park weitere Rekonstruktionsbauten umgesetzt, darunter eine Stadtvilla, Thermen sowie das Haus des Ölhändlers. Sie erweitern den Blick vom einzelnen Wohnhaus auf unterschiedliche Bereiche römischer Stadtkultur: repräsentatives Wohnen, Badekultur, städtische Infrastruktur, Handwerk, Ausstattung und Alltagsleben.
Rekonstruktion des sogenannten "Haus des Lucius" im Römischen Stadtviertel - © Land NÖ
Bauen wie in römischer Zeit
Besonders erwähnenswert ist, dass das Haus des Lucius nicht einfach mit modernen Mitteln errichtet wurde. Die Rekonstruktion verstand sich auch als experimenteller Versuch: Jeder einzelne Stein der Außenmauern wurde von Hand gesetzt, um römisches Bruchsteinmauerwerk nachzubilden. Verwendet wurden Steine aus dem Raum Carnuntum sowie ein Kalkmörtel, der römischen Vorbildern nachempfunden war. Die Mauern wurden verputzt – nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch zum Schutz des Mauerwerks vor Feuchtigkeit. Auch Holz spielte eine zentrale Rolle. Für Dachstühle und andere Bauteile wurde bewusst kein modernes Schnittholz verwendet, sondern Altholz, das noch Spuren traditioneller Bearbeitung zeigte. Holzverbindungen, Zapfen und Holznägel orientierten sich an vormodernen beziehungsweise antiken Techniken.
Die Dachdeckung erfolgte mit nachgebildeten römischen Leistenziegeln und Halbrundziegeln, also tegulae und imbrices, deren Formen auf Originalfunden aus der Grabung beruhten. Die Innenwände wurden dort, wo die Befunde auf leichte Konstruktionen hindeuteten, nicht als massive Steinmauern rekonstruiert. Stattdessen kamen Holzständerkonstruktionen mit Ausfachungen aus Weidenruten, Schilf und Lehm zum Einsatz. Gerade solche Details zeigen, wie eng archäologische Interpretation und praktische Bauausführung miteinander verbunden waren.
Videoaufnahmen der Rekonstruktionsarbeiten am Haus des Lucius 2005-2006 - © Land NÖ
Technik und Wohnkultur
Bei den Ausgrabungen im Bereich des Haus des Lucius wurde eine Fußbodenheizung (doppelte T-Kanalheizung) gefunden. Heiße Luft und Rauch wurden durch Kanäle unter dem Boden geführt und konnten über Hohlziegel in den Wänden nach oben steigen. Einzelne Bauteile wurden nach antiken Vorlagen hergestellt, teils im rekonstruierten Brennofen im nördlichen Wirtschaftsbereich gebrannt und anschließend im Haus verbaut. Die Heizung ist damit nicht nur eine museale Nachbildung, sondern auch ein praktisches Experiment zur römischen Bautechnik.
Auch die Ausstattung des Hauses vermittelt ein lebendigeres Bild römischer Innenräume, als es Ruinen oft vermuten lassen. Wandverputze, Ziegelsplittestriche, Ziegelmosaike und farbige Raumfassungen zeigen, wie vielfältig solche Räume wirken konnten. Rekonstruierte Ziegelböden, opus signinum in den Wohnräumen und ein einfacher Lehmboden in der Küche machen unterschiedliche Nutzungen sichtbar.
Keramikbrennöfen auf der Parzelle Haus II - © T. Mauerhofer
Zwischen Denkmalpflege und Rekonstruktion
Rekonstruktionen sind in der Archäologie nie unproblematisch. Sie müssen immer zwischen wissenschaftlicher Evidenz, didaktischer Anschaulichkeit und denkmalpflegerischer Verantwortung vermitteln. In Carnuntum wurde deshalb besonderer Wert darauf gelegt, dass die Originalbefunde geschützt und die modernen Ergänzungen nachvollziehbar bleiben. Die antiken Mauern wurden abgedeckt, gesichert und unter den neuen Aufbauten bewahrt. Damit schützt die Rekonstruktion den Befund und macht ihn zugleich verständlich.
Das Haus des Lucius ist daher kein „Wiederaufbau“ im einfachen Sinn. Es ist ein wissenschaftlich kontrolliertes Modell. Es zeigt, wie ein römisches Wohnhaus in Carnuntum ausgesehen haben könnte – nicht, wie es mit absoluter Sicherheit ausgesehen hat. Genau darin liegt seine Stärke. Die Rekonstruktion macht Forschung sichtbar, ohne den Befund selbst zu zerstören.