Fear and Loathing in Carnuntum: Wein und andere Genussmittel in der Antike
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer, Anna-Maria GrohsSeit jeher nutzten Menschen bestimmte Getränke und Pflanzen, um Schmerzen zu lindern, Krankheiten zu behandeln, religiöse Ekstase herbeizuführen oder für kurze Zeit den Alltag hinter sich zu lassen. Auch in der römischen Antike waren berauschende und bewusstseinsverändernde Substanzen bekannt. Ihre Verwendung unterschied sich jedoch grundlegend von modernen Vorstellungen: Eine klare Trennung zwischen Genussmittel, Nahrungsmittel, Arznei und Rauschmittel bestand nicht. Dieselbe Substanz konnte je nach Dosierung und Zusammenhang als alltägliches Getränk, medizinisches Heilmittel, kultische Opfergabe oder gefährliches Gift gelten.
Baetische Weinamphore aus der Lagervorstadt Carnuntums (Inv.-Nr. CAR-K-2601) - © Landessammlungen NÖ
Wein – nur du allein?
Wein gehörte in der römischen Antike zum Alltag. Er wurde zu Mahlzeiten getrunken, bei Festen ausgeschenkt, als Arznei verwendet und den Göttern geopfert. Zugleich war seine berauschende Wirkung wohlbekannt. Die Römer unterschieden deshalb genau zwischen maßvollem Genuss, vorübergehender Trunkenheit und dauerhaftem Kontrollverlust. Auch in Carnuntum war Wein allgegenwärtig. In der Metropole an der Donau lebten Soldaten, Händler, Handwerker, Veteranen und Reisende aus unterschiedlichen Teilen des Römischen Reiches. Mit ihnen gelangten nicht nur Waren und religiöse Vorstellungen, sondern auch verschiedene Trink- und Genussgewohnheiten an die Donau.
Aus heutiger Sicht gilt Wein vor allem als alkoholisches Getränk. Für die Römer war er darüber hinaus ein wichtiges Nahrungsmittel. Selbst Sklaven und landwirtschaftliche Arbeitskräfte erhielten festgelegte Weinrationen. Ältere Schätzungen gehen für erwachsene Männer in Rom von einem täglichen Konsum von etwa 0,8–1 Liter aus. Solche Angaben sind jedoch mit Vorsicht zu betrachten: Wein wurde meist mit Wasser verdünnt und über den Tag verteilt konsumiert.
Mehr als ein Genussmittel
Hochprozentige Spirituosen gab es noch nicht. Alkoholische Getränke entstanden ausschließlich durch natürliche Gärung. Neben Wein kannte man Bier, Met und verschiedene Fruchtweine. Wein besaß jedoch den höchsten gesellschaftlichen Rang und wurde mit mediterraner Lebensweise, Wohlstand und römischer Kultur verbunden. Antiker Wein schmeckte vermutlich anders als heutiger. Amphoren und Vorratsgefäße wurden häufig mit Pech oder Harz abgedichtet, was dem Getränk ein kräftiges Aroma verlieh. Um Geschmack und Haltbarkeit zu verbessern, setzte man Honig, Gewürze, Kräuter, Salzwasser oder eingekochten Most hinzu. Besonders beliebt waren süße und liebliche Weine.
Zu den verbreiteten Spezialitäten gehörte mulsum, ein mit Honig gewürzter Wein. Passum wurde aus getrockneten oder stark gereiften Trauben hergestellt. Eingekochter Most diente zum Süßen von Speisen und Getränken. Mitunter wurde er allerdings in Bleigefäßen erhitzt. Dabei konnten giftige Bleiverbindungen entstehen, deren süßer Geschmack zunächst durchaus geschätzt wurde.
Ganzform eines Kruges mit zwei bandförmigen Henkeln (Inv.-Nr. CAR-K-3508) und Kelchförmiges Trinkgefäß mit zylindirischem Körper (Inv.-Nr. CAR-G-6) - © Landessammlungen NÖ
Trinken nach Regeln
Wein wurde gewöhnlich nicht pur getrunken. Vor dem Ausschenken filterte man Kräuter und Rückstände heraus und mischte ihn anschließend mit Wasser. Im Sommer wurde er gekühlt, im Winter mit warmem oder heißem Wasser serviert. Ein erhitztes und häufig gewürztes Weingetränk, die sogenannte calda, galt zugleich als Genuss- und Heilmittel. Das Verdünnen war nicht nur eine Frage des Geschmacks. Es galt als Ausdruck von Maß und Selbstbeherrschung. Wer unvermischten Wein trank, konnte rasch als unzivilisiert oder zügellos erscheinen. Bei förmlichen Gelagen bestimmte ein sogenannter rex bibendi, ein „Trinkerkönig“, das Mischverhältnis und mitunter auch die Zahl der zu trinkenden Becher.
Solche Gelage waren mehr als bloße Trinkveranstaltungen. Sie dienten der Unterhaltung, dem Gespräch und der Pflege sozialer Beziehungen. Die Mehrheit der Bevölkerung trank jedoch wohl in weniger exklusivem Umfeld: zu Hause, in Herbergen, Garküchen und Schankstuben. Dort begegneten einander Soldaten, Händler, Handwerker, Reisende, Frauen, Sklaven und Freigelassene.
Rebmesser mit halbmondförmigen Blatt (Inv.-Nr. CAR-M-1701) - © Landessammlungen NÖ
Weinbau in Carnuntum
Wein wurde in Carnuntum nicht nur konsumiert, sondern auch angebaut. Rebmesser, landwirtschaftliche Werkzeuge und archäobotanische Funde belegen die Pflege und Verarbeitung von Weinreben. Die verbreitete Vorstellung, Kaiser Probus habe den Weinbau im Gebiet des heutigen Österreich erst im späten 3. Jahrhundert n. Chr. eingeführt, ist daher nicht haltbar. Wahrscheinlicher ist, dass er bestehende gesetzliche Beschränkungen lockerte. Weinbau war in den Donauprovinzen bereits früher bekannt.
Einen besonders anschaulichen Befund erbrachten Ausgrabungen am östlichen Rand der canabae legionis, der Siedlung rund um das Legionslager. Dort wurden seit 1978 Gebäude untersucht, deren Geschichte bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zurückreicht. Unter den freigelegten Bauten befand sich ein Haus, hinter welchem ein Nutzgarten mit Pflanzgruben lag. Darin konnten auch Weinreben nachgewiesen werden. Der Befund zeigt, dass Weinbau nicht nur auf großen Landgütern stattfand. Reben konnten ebenso in städtischen oder vorstädtischen Gärten für den Eigenbedarf kultiviert werden.
Weintraubenkerne aus der Weststraßengrabung in Carnuntum - © Thanheiser/Heiss 2014
Mineralisierte und verkohlte Traubenkerne aus dem Hauptkanal unter der Weststraße der Zivilstadt belegen, dass Weintrauben in Carnuntum regelmäßig konsumiert wurden. Da die Römer die kultivierte Weinrebe in der Region verbreiteten und viele Obstsorten wohl auch vor Ort anbauten, sprechen die Funde zugleich für eine lokale Nutzung der Rebe – als Tafelobst und vermutlich auch zur Weinherstellung.
Die lokale Produktion dürfte den Bedarf der großen Militär- und Zivilbevölkerung jedoch kaum vollständig gedeckt haben. Carnuntum war deshalb auf Importe angewiesen. Amphorenfunde belegen, dass Wein und andere Lebensmittel aus unterschiedlichen Teilen des Römischen Reiches an die Donau gelangten. Wohlhabende Bewohner konnten importierte Qualitätsweine erwerben, während die Mehrheit vermutlich einfachere lokale oder regionale Produkte trank.
Kopf eines jugendlichen Bacchus (Inv.-Nr. CAR-M-3277) - © Landessammlungen NÖ
Bacchus und der kultische Rausch
Wein war auch ein religiöses Getränk. Der griechische Dionysos wurde in der römischen Welt als Bacchus oder Liber Pater verehrt. Er galt als Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Weinlaub, Trauben, Trinkgefäße, Panther und der mit Efeu umwundene Thyrsosstab gehörten zu seinen typischen Attributen. Bacchus verkörperte die widersprüchliche Wirkung des Weines. Dieser konnte Freude, Gemeinschaft und Befreiung bringen, zugleich aber Raserei und Kontrollverlust auslösen. Neben dem Bacchuskult spielte Wein bei Trankopfern und Göttermahlzeiten eine wichtige Rolle. Auch das frühe Christentum übernahm ihn als zentrales Symbol der Eucharistie.
Ganz erhaltene Opferschale/patera (Inv.-Nr. CAR-M-2940) - © Landessammlungen NÖ
Rausch und Ekstase
Rausch galt in der Antike als veränderter Bewusstseinszustand, der den Menschen aus dem geregelten Alltag heraustreten ließ. Er konnte durch Wein und andere Substanzen, aber ebenso durch Musik, rhythmischen Tanz und kultische Handlungen verstärkt werden. Im dionysischen Kontext erhielt dieser Kontrollverlust sogar eine religiöse Dimension: Da Dionysos als Schöpfer des Weines und Ursprung seiner berauschenden Wirkung galt, konnte der Rausch als vorübergehende Teilhabe am Göttlichen verstanden werden.
Zugleich blieb der Rausch ambivalent. Maßvoller Weingenuss förderte Geselligkeit und ausgelassene Stimmung; ein Übermaß führte dagegen zu Enthemmung, Schlaf, Gewalt oder dem Verlust gesellschaftlicher Selbstkontrolle. Antike Künstler machten diesen inneren Zustand durch verdrehte Körper, zurückgeworfene Köpfe, offene Haare und wilde Tanzbewegungen sichtbar. Trinkgefäße, Weinranken, Musik sowie Figuren aus dem Gefolge des Dionysos – Satyrn und Mänaden – genügten oft, um Rausch und Ekstase anzudeuten. Die Bilder feierten damit die befreiende Kraft des Weines, konnten zugleich aber auch vor seinen Folgen warnen.
Tänzerinnen beim Römerfest in Carnuntum - © T. Mauerhofer
Rauschmittel – Arznei oder Gift?
Die Grenze zwischen Genussmittel und Arznei war in der Antike fließend. Wein wurde zur Stärkung, zur Förderung der Verdauung, bei Schmerzen und als Träger anderer Heilmittel verwendet. Kräuter und pflanzliche Wirkstoffe konnten in Wein eingelegt oder gemeinsam mit ihm verabreicht werden. Zu den bekannten Arznei- und Rauschpflanzen gehörten Schlafmohn, Bilsenkraut und Alraune. Ihre Wirkstoffe konnten Schmerzen lindern, Schlaf auslösen oder das Bewusstsein verändern. Eine sichere Dosierung war allerdings kaum möglich. Die Wirkung reichte von völliger Wirkungslosigkeit bis zur tödlichen Vergiftung.
Für Carnuntum ist die medizinische Nutzung solcher Substanzen grundsätzlich anzunehmen. Direkte Hinweise auf einen verbreiteten Konsum psychoaktiver Pflanzen als Freizeitdroge fehlen jedoch. Wein blieb das mit Abstand wichtigste und am weitesten verbreitete Rauschmittel.
Mohnblumen vor der Zivilstadttherme in Carnuntum - © T. Mauerhofer
In vino veritas
Die Römer kannten die Gefahren übermäßigen Alkoholkonsums. Die lateinische Sprache unterschied zwischen ebrietas, dem vorübergehenden Betrunkensein, und ebriositas, dem gewohnheitsmäßigen Trinken. Antike Autoren berichten von Streit, Gewalt, Schlaflosigkeit und geistiger Verwirrung. Seneca bezeichnete den Rausch als voluntaria insania, als „freiwilligen Wahnsinn“:
Nihil aliud est ebrietas quam voluntaria insania.
Dennoch galt nicht der Verzicht als Ideal, sondern die Mäßigung. Wein sollte entspannen, verbinden und den Alltag bereichern, ohne den Menschen dauerhaft zu beherrschen. Die Funde aus Carnuntum machen diese Vielschichtigkeit sichtbar. Wein war hier Nahrungsmittel und Luxusgut, Handelsware und Arznei, Opfergabe und Rauschmittel. Seine Geschichte eröffnet damit einen unmittelbaren Blick auf Alltag, Wirtschaft, Religion und Geselligkeit in einer der bedeutendsten Städte an der römischen Donau.