Wissenschaft

Vom Ende einer Metropole – Der Untergang Carnuntums

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
KI Generiertes Bild von Haus 4 mit dem teilrekonstruierten Gebäude, davor eine Zeltlagerstätte, heruntergekommener Zustand

Carnuntum gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundstätten Mitteleuropas. Über mehrere Jahrhunderte hinweg entwickelte sich die Stadt zu einem zentralen politischen, militärischen und wirtschaftlichen Knotenpunkt an der mittleren Donau. Als Legionsstandort, Hauptstadt der Provinz Pannonia superior und bedeutendes Handelszentrum verband Carnuntum die Welt des römischen Imperiums mit den Gebieten nördlich der Donau. Dennoch setzte im Verlauf der Spätantike ein tiefgreifender Wandel ein, der schließlich zum Ende der antiken Metropole führte. Dieser Prozess geschah weder plötzlich noch durch einen bestimmten Grund, sondern war im Zuge von multiplen Krisen das Ergebnis langfristiger politischer, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen im Donauraum.

Ein Video, dass die 360 Grad Experience mithilfe von VR-Brillen erklärt
© RSC

Seit Saisonstart 2026 kann man die Geschichte Carnuntums in der Carnuntum Experience immersiv erleben: Auf der Reise durch die Jahrhunderte wird der Wandel der antiken Metropole von der Blütezeit bis schließlich zum Verfall Carnuntums mit eindrucksvollen 3D Visualisierungen gezeigt. - © 7reasons 

Der langsame Niedergang einer Metropole

Bereits im späten 3. und vor allem im 4. Jahrhundert veränderte sich die Rolle Carnuntums innerhalb der römischen Grenzorganisation. Die politischen und militärischen Strukturen des Imperiums befanden sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Donaugrenze blieb zwar weiterhin ein zentraler Bestandteil der Verteidigung des römischen Reiches, doch militärische Strategien und administrative Strukturen wurden zunehmend angepasst. Gleichzeitig führten innerrömische Konflikte, wirtschaftliche Umstrukturierungen und wiederholte Angriffe aus dem Barbaricum zu einer allmählichen Destabilisierung der bisherigen Ordnung.

Archäologisch lässt sich dieser Wandel in Carnuntum deutlich beobachten. Viele öffentliche Gebäude und Infrastrukturmaßnahmen, die während der Blütezeit der Stadt im 2. und frühen 3. Jahrhundert errichtet worden waren, verloren ihre ursprüngliche Funktion. Monumentale Bauten wurden teilweise umgenutzt oder aufgegeben. In einigen Bereichen der Stadt kam es zu einer deutlichen Reduktion der Bebauungsdichte, während andere Areale weiterhin genutzt wurden. Die spätantike Stadt war damit deutlich kleiner und funktional anders organisiert als das einstige urbane Zentrum der Kaiserzeit.

KI generiertes Bild des frigidarium der Therme, zerfallenes Schwimmbecken und zerstörtes Fenster
© N. Kirchengast

KI-generierte Visualisierung des verfallenen frigidariums in der Therme im Römischen Stadtviertel - © Römerstadt Carnuntum (generiert mit ChatGPT 5.3)

Zwischen Naturkatastrophen und Wandel

Hinzu kamen wiederholte Naturereignisse, die den Niedergang der Stadt beschleunigt haben könnten. Besonders das schwere Erdbeben in der Mitte des 4. Jahrhunderts, das auch in historischen Quellen erwähnt wird, dürfte erhebliche Schäden an der Bausubstanz verursacht haben. Der Wiederaufbau erfolgte offenbar nur teilweise und in deutlich reduzierter Form. Viele Gebäude wurden nicht mehr in ihrer ursprünglichen Monumentalität erneuert, sondern nur noch pragmatisch instand gesetzt oder ganz aufgegeben.

Im Laufe des späten 4. und frühen 5. Jahrhunderts verstärkten sich die Anzeichen für einen grundlegenden Wandel des römischen Carnuntum. Während einige Bereiche weiterhin bewohnt waren, wurden andere zunehmend verlassen. Archäologische Befunde zeigen, dass Teile der ehemaligen Stadt zunehmend als Steinbruch genutzt wurden: Baumaterialien aus römischen Gebäuden wurden ausgebrochen und für neue Bauten in der Umgebung wiederverwendet. Dieser Prozess der sogenannten „Spoliennutzung“ ist in vielen ehemaligen römischen Städten zu beobachten und markiert häufig eine Übergangsphase zwischen städtischer Nutzung und endgültiger Aufgabe.

    Grabungsarbeiten 2017 im südlichen Bereich der villa urbana und Freilegung des Erdbebenhorizontes aus dem 4. Jh. - © N. Kirchengast 

    Das Jahr 433

    Mit dem Zusammenbruch der römischen Verwaltungs- und Militärstrukturen im Donauraum im Verlauf des 5. Jahrhunderts verlor Carnuntum schließlich seine Funktion als urbanes Zentrum. Eine der letzten schriftlichen Erwähnungen stammt aus dem Jahr 433 n. Chr., als der weströmische Heermeister Flavius Aëtius im Rahmen eines politischen Ausgleichs mit den Hunnen Teile Pannoniens – darunter auch das Gebiet um Carnuntum – an sie übergab, was den endgültigen Verlust der römischen Kontrolle über die Region markiert. 

    Anders als manche spätrömischen Städte entwickelte sich in Carnuntum kein kontinuierlicher spätantiker oder frühmittelalterlicher Nachfolgesiedlungskern. Stattdessen zerfiel die einstige Metropole allmählich, während kleinere Siedlungen in der Umgebung neue Schwerpunkte bildeten.

      Spätantike Funde aus Carnuntum: Kanne aus dem 5. Jh. (CAR-K-3206), Riemenzunge (CAR-M-2818), Kamm (CAR-OR-74), Propellerfibel (CAR-M-3815) und Becher (CAR-G-22) - © Landessammlungen NÖ

      Ruinen in der Landschaft

      Auch wenn Carnuntum als Stadt verschwand, blieben seine monumentalen Ruinen über Jahrhunderte hinweg sichtbar. Mauern, Fundamente und gewaltige Schutthalden prägten weiterhin das Landschaftsbild des Wiener Beckens. Solche eindrucksvollen Überreste führten bereits im Mittelalter zu zahlreichen Deutungen und Legenden. Häufig wurden die antiken Bauwerke als „heidnisch“ interpretiert – ein Begriff, mit dem man alles Römische und damit Vorchristliche bezeichnete. In volkstümlichen Überlieferungen entstanden daraus Geschichten über Riesen, verlorene Städte oder geheimnisvolle Bauwerke aus einer längst vergangenen Zeit.

      Szene aus dem VR Video Carnuntum Experience, mit dem Heidentor im Sonnenuntergang
      © 7reasons

      Das Heidentor visualisiert in der Carnuntum Experience. Um den Wandel des denkmalgeschützten Monuments zu dokumentieren wurde das Heidentor kürzlich Teil der EU-Kampagne "Twin it!" der Europeana. - © 7reasons 

      Gleichzeitig dienten die Ruinen über viele Jahrhunderte hinweg abermals als Steinbruch. Quader, Ziegel und andere Baumaterialien wurden systematisch aus den antiken Gebäuden gebrochen und für mittelalterliche und frühneuzeitliche Bauprojekte wiederverwendet. Auf diese Weise lebt ein Teil Carnuntums bis heute in vielen Gebäuden der Region weiter – verborgen in Mauern, Fundamenten und Kirchenbauten.

      KI generiertes Bild der mansio mit der villa urbana im Hintergrund, es ist Abend und Menschen sammeln Steine auf für die Weiterverwendung
      © N. Kirchengast

      KI-generierte Visualisierung der verfallenen Herberge und villa urbana. Bewohner der verbleibenden Siedlungsbereiche betreiben Steinraub - © Römerstadt Carnuntum (generiert mit ChatGPT 5.3)

      Carnuntum im Anthropozän

      Die langfristige Entwicklung der Landschaft im Wiener Becken wird heute auch im Rahmen moderner interdisziplinärer Forschungsprojekte untersucht. Ein Beispiel dafür ist ein Anthropozän-Projekt der Universität Wien, das die Wechselwirkungen zwischen menschlicher Siedlungstätigkeit, Umweltveränderungen und geomorphologischen Prozessen über lange Zeiträume analysiert. 

      Besonders aufschlussreich ist dabei der Vergleich zwischen Carnuntum und Vindobona, dem römischen Vorläufer des heutigen Wien. Beide Städte entstanden an strategisch günstigen Positionen entlang der Donau und kontrollierten wichtige Übergänge über den Fluss. Während Carnuntum jedoch im Laufe der Spätantike seine urbane Funktion verlor und schließlich als Siedlungsplatz verschwand, entwickelte sich Vindobona über Jahrhunderte hinweg kontinuierlich weiter. Aus dem römischen Militärlager entstand eine mittelalterliche Stadt, aus der schließlich die heutige Metropole Wien hervorging. Dieser Vergleich zeigt, dass das „Ende“ einer Stadt keineswegs zwangsläufig ist. Vielmehr hängt die langfristige Entwicklung urbaner Zentren von einer Vielzahl politischer, wirtschaftlicher und landschaftlicher Faktoren ab.

      Kupferstich nach Matthäus Merian, alte Karte von Carnuntum mit Heidentor
      © Land NÖ

      Kolorierter Kupferstich von Petronell und Umgebung nach Matthäus Merian 1656, das Heidentor ist bereits abgebildet - © Land NÖ, APC Archiv

      Die Wiederentdeckung einer antiken Stadt

      Erst im 19. Jahrhundert begann eine neue Phase im Fortleben Carnuntums. Archäologen, Historiker und Naturwissenschaftler widmeten sich zunehmend der Erforschung der antiken Stadt. Systematische Grabungen brachten zahlreiche Gebäude, Straßen und Fundkomplexe ans Licht und ermöglichten erstmals ein umfassenderes Bild der einstigen Metropole. Heute zählt Carnuntum zu den wichtigsten archäologischen Landschaften Europas. Moderne Forschungsprojekte, innovative Vermittlungsformate und spektakuläre Rekonstruktionen machen es möglich, das Leben in einer römischen Stadt auf einzigartige Weise zu erleben und zu verstehen.

      Carnuntum steht damit exemplarisch für die Dynamik historischer Landschaften. Städte entstehen, verändern sich und verschwinden – doch ihre Spuren bleiben in der Landschaft, in der Erinnerung und in den materiellen Überresten erhalten. Gerade diese langfristige Perspektive macht Carnuntum zu einem außergewöhnlichen Forschungsfeld: als ehemalige Metropole des Römischen Reiches und zugleich als lebendiger Ort der archäologischen Forschung und Vermittlung.

      Eine Familie sitzt begeistert auf Stühlen und hat VR-Brillen aufgesetzt, im Hintergrund sieht man animierte Gladiatoren, die in einem Amphitheater kämpfen.
      © RSC
        Sa, 16. Mai 2026
        16:00 Uhr

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        Rekonstruiertes Stadtviertel
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        16:00 Uhr

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        Sa, 12. September 2026
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