In der Arena der Gladiatoren: Die Amphitheater Carnuntums
Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Daniel Kunc, Thomas Mauerhofer, Anna-Maria GrohsGladiatorenspiele gehörten zu den beliebtesten Veranstaltungen im römischen Reich und bildeten einen zentralen Bestandteil der Unterhaltungskultur. Diese Schaukämpfe zwischen bewaffneten (männlichen und weiblichen) Gegnern dienten nicht nur dem Zeitvertreib des Publikums, sondern spiegelten auch soziale und politische Dynamiken der damaligen Gesellschaft wider, etwa propagandistische Anliegen von Kaisern und Sponsoren. In Carnuntum fanden diese sogenannten spectacula sowohl im Bereich der Zivilstadt als auch in der militärischen Einflusssphäre vor den Toren des Legionslagers in großen Arenen statt. Heute sind durch umfangreiche Untersuchungen im Großgebiet Carnuntums drei Amphitheater (griech. amphi = doppelt, herum - „Theater rundum von Sitzen umgeben“) bekannt.
Historische Aufnahme: Amphitheater II um 1930 - © Land NÖ
Auf den Spuren der Gladiatoren
Die Amphitheater Carnuntums beschäftigen Archäologinnen und Archäologen bereits seit dem 19. Jahrhundert. Während zunächst sichtbare Ruinen und Inschriften im Mittelpunkt standen, brachten vor allem die großflächigen Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts neue Erkenntnisse zu Aufbau und Nutzung der Arenen. In den vergangenen Jahren erweiterten moderne Grabungen und geophysikalische Untersuchungen das Bild zusätzlich.
Blick auf das Amphitheater der Militärstadt; es ist aus Sicherheitsgründen bis auf weiteres während der Instandhaltungsmaßnahmen gesperrt. - © T. Mauerhofer
Das Amphitheater der Militärstadt
Das Amphitheater I, heute zwischen Petronell-Carnuntum und Bad Deutsch Altenburg gelegen und als „Amphitheater der Militärstadt“ bekannt, befand sich nordöstlich des Legionslagers und wurde zwischen 72 und 77 n. Chr. von der legio XV Apollinaris (um)gebaut, wie aus einer Inschrift hervorgeht, die 2009 im Bereich des Osttores entdeckt wurde. Zwischen 2007 und 2012 wurde das Amphitheater systematisch mit mehreren Ausgrabungskampagnen erforscht. Es wurde vermutlich für verschiedene Aktivitäten genutzt, darunter Tierhetzen, Reiter- und Exerzierübungen sowie möglicherweise Hinrichtungen. Die Tribünen um die ellipsenförmige Arena, welche 72 × 44 Meter misst, boten rund 8.000 Besucher Platz. An den Eingängen des Theaters, wurden zusätzliche Räumlichkeiten gefunden, darunter ein Tierzwinger und ein kleines Heiligtum der Diana Nemesis.
Statue der Diana Nemesis (Inv.-Nr. CAR-S-31)
Datierung: frühes 3. Jh. n. Chr.
Maße: 169,5 × 68 × 40 cm
Die aus Kalksandstein gefertigte Statue der Diana Nemesis war die Kultstatue des Nemesisheiligtums beim Amphitheater der Militärstadt von Carnuntum. In ihr verschmelzen mehrere Gottheiten zu einer einzigen Figur: Nemesis als Göttin des Schicksals und der Vergeltung mit Peitsche, Greif und Schwert, Diana als Jagdgöttin mit Chiton, Mantel und Jagdstiefeln, Fortuna mit Rad und Steuerruder sowie Luna, dargestellt durch Halbmond und Stern über dem Kopf. Heute kann die Statue im Museum Carnuntinum besichtigt werden.
- © Landessammlungen NÖ
Luftaufnahme des Amphitheaters der Zivilstadt - © T. Mauerhofer
Das Amphitheater der Zivilstadt
Das zweite Amphitheater Carnuntums wurde südlich der Zivilstadt außerhalb der Stadtmauern erbaut und zwischen 1923 und 1930 ergraben, heute ist es gemeinhin als „Amphitheater der Zivilstadt“ bekannt. Die ellipsenförmige Arena (68m Längsachse und 52m Breite) bot Platz für Gladiatorenkämpfe und andere öffentliche Aufführungen und umfasste symmetrische Zuschauerbereiche für etwa 13.000 Besucher. Damit wäre es heute immer noch unter den größten 10 Stadien Österreichs. Es wurde im Laufe der Zeit mehrmals umgebaut und eventuell auch für christliche Zwecke genutzt. Westlich des Amphitheaters II befand sich möglicherweise eine Gladiatorenschule.
2010 wurde das Gebiet rund um das Amphitheater untersucht, hierbei wurde neben diversen Geschäftslokalen ein auffallender Gebäudegrundriss entdeckt. Der als Gladiatorenschule bezeichnete abgeschlossene Komplex umfasst einem großen Innenhof, der eine kreisrunde Trainingsarena mit 19 Meter Durchmesser beinhaltet. Anhand der Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen können weitere Bauten als Trainingshalle, Verwaltungsbereiche und Wohnzellen für die Gladiatoren angenommen werden.
Übersichtsplan der Carnuntiner Zivilstadt mit den im Westen und Süden gelegenen Vorstadtzonen und den zwei Amphitheatern (II und III). – © Wallner (Geosphere Austria)
Ein drittes Amphitheater?
Das dritte Amphitheater Carnuntums, heute nicht mehr sichtbar und darum wenig bekannt, lag im Bereich der antiken Stadtmauer. Es wurde während des Baus der Stadtmauer abgerissen und durch das größere Amphitheater II weiter südlich ersetzt. Die bekannte Bauinschrift des Caius Domitius Zmaragdus, die im Legionslager gefunden wurde und auf eine Datierung zwischen Hadrian und Septimius Severus (zwischen 124 und 193 n. Chr.) hinweist, bezieht sich höchstwahrscheinlich auf dieses ältere dritte Amphitheater.
© Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum
C(aius) Domitius Zmaragdus / domo Antiochia dec(urio) / municipi Ael(i) Carnunti / [a]mphitheatrum impens[a] / [sua] solo publico fec(it)
Bronzestatuette eines Gladiators, ein sogenannter Thraex (Inv.-Nr. CAR-M-4584) - © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum
Mehr als nur Sandplätze
Die Amphitheater Carnuntums waren weit mehr als Schauplätze spektakulärer Kämpfe. Sie gehörten zu den zentralen Orten des öffentlichen Lebens und spiegeln bis heute die Größe und Bedeutung Carnuntums wider. Die archäologischen Befunde erlauben spannende Einblicke in das Leben an der römischen Donaugrenze und machen die Arenen zu den eindrucksvollsten Monumenten der antiken Stadt - welche bis heute Austragungsort verschiedenster Veranstaltungen sind.