Wissenschaft

Die Kinder Carnuntums – Aufwachsen an der Grenze des Römischen Reiches

Ein Beitrag von Nisa Iduna Kirchengast - Redaktion: Thomas Mauerhofer, Anna-Maria Grohs
Drei Kinder spielen in Tuniken auf der Straße am Spätantikenfest 2017, die Sonne scheint

Wer heute durch das rekonstruierte Römische Stadtviertel von Carnuntum spaziert, begegnet prächtigen Wohnhäusern, Thermen und Geschäften. Man stellt sich Händler, Handwerker, Soldaten und wohlhabende Bürgerinnen und Bürger vor. Doch eine Bevölkerungsgruppe bleibt dabei oft unsichtbar: die Kinder. Dabei dürften sie rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung ausgemacht haben. 

Kinder waren in der römischen Gesellschaft von großer Bedeutung. Sie sicherten den Fortbestand der Familie, bewahrten den Familiennamen und dienten nicht zuletzt als Altersvorsorge ihrer Eltern. Gleichzeitig war Kindheit in der Antike von einer ständigen Unsicherheit geprägt. Krankheiten, Mangelernährung und die begrenzten medizinischen Möglichkeiten führten dazu, dass viele Kinder das Erwachsenenalter niemals erreichten.

Kinder beim Hinkelsteinwerfen am Kinderfest 2023, Mann gibt dem einen Kind einen Hinkelstein zum Werfen
© T. Mauerhofer

Ein gefährlicher Start ins Leben

Die Geburt eines Kindes war in der römischen Welt stets mit Risiken verbunden. Zwar gab es Hebammen und Ärzte, doch die meisten Geburten fanden im häuslichen Umfeld statt. Komplikationen konnten schnell lebensbedrohlich werden. Entsprechend groß war die Bedeutung religiöser Rituale und Schutzgottheiten. Zahlreiche Gottheiten wurden bei Schwangerschaft und Geburt angerufen, um Mutter und Kind zu schützen.

Nach der Geburt wurde das Neugeborene dem Familienvater vorgestellt: Erst wenn dieser das Kind offiziell anerkannte und in die Arme nahm, wurde es als Mitglied der Familie aufgenommen. Einige Tage später erfolgte die Namensgebung, seit der frühen Kaiserzeit mussten Neugeborene zudem amtlich registriert werden. Trotz aller Fürsorge blieb das Risiko hoch. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 40 Prozent aller Kinder bereits im ersten Lebensjahr starben. Mehr als die Hälfte erreichte das fünfte Lebensjahr nicht. Erst wer die kritischen ersten Jahre überstanden hatte, besaß gute Chancen, das Erwachsenenalter zu erreichen.

Eine römische Bulla: Zwei getriebene halbkugelige Schalen einer Amulettkapsel mit einer die beiden Hälften verbindenden gerippten bandförmigen Aufhängeöse. Der gezackte Rand der einen Hälfte ist nur mehr im Ansatz erhalten.
© Landessammlungen NÖ

Bulla aus Gold (Inv.-Nr. CAR-M-3506) - © Landessammlungen NÖ

Die Bulla – Schutzamulett der Kindheit

Eines der bekanntesten Symbole römischer Kindheit war die sogenannte Bulla. Dieses kleine, meist rundliche Amulett wurde freigeborenen Jungen kurz nach der Geburt um den Hals gehängt. Es sollte seinen Träger vor Unglück, Krankheit und bösen Einflüssen schützen. Bullae konnten aus Bronze, Silber, Gold oder Leder gefertigt sein. Ihre Ausstattung hing unmittelbar vom Wohlstand der Familie ab. Im Inneren befanden sich häufig kleine Schutzobjekte oder magische Substanzen, deren genaue Zusammensetzung heute meist unbekannt bleibt. Die Bulla war weit mehr als Schmuck – sie stellte ein sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit zur römischen Bürgergesellschaft dar.

Mit dem Übergang ins Erwachsenenleben, meist zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr, legten junge Männer die Bulla im Rahmen eines feierlichen Rituals ab. Gemeinsam mit der Kindertoga wurde sie den Hausgöttern der Familie geweiht. Damit endete offiziell die Kindheit. Ob auch Mädchen regelmäßig Bullae trugen, ist bis heute umstritten. Einige literarische und archäologische Hinweise sprechen dafür, dass zumindest Mädchen aus bestimmten Familien ähnliche Schutzamulette besaßen.

Rundmühle, Tonbrett mit schwarzen und weißen Spielsteinen
© T. Mauerhofer

Römisches Mühle-Spiel am Kinderfest in der Römerstadt Carnuntum - © T. Mauerhofer 

Spielen und Lernen

Auch wenn die Lebensumstände oft härter waren als heute, blieb Zeit zum Spielen. Archäologische Funde aus dem gesamten Römischen Reich belegen eine erstaunliche Vielfalt an Spielzeug. Kinder spielten mit Puppen aus Terrakotta oder Elfenbein, mit Murmeln, Bällen, Reifen oder kleinen Tierfiguren. Manche Spielsachen erinnern verblüffend an moderne Kinderspielzeuge. 

Ab etwa sieben Jahren begann für viele Kinder ein neuer Lebensabschnitt. Kinder wohlhabender Familien besuchten Schulen oder erhielten Privatunterricht. Lesen, Schreiben und Rechnen galten als wichtige Grundlagen für das spätere Leben. Andere Kinder arbeiteten bereits früh im Haushalt, in Werkstätten oder auf landwirtschaftlichen Betrieben mit. Dabei unterschieden sich die Erwartungen an Mädchen und Jungen deutlich. Mädchen wurden auf ihre spätere Rolle als Ehefrauen und Mütter vorbereitet, während Jungen schrittweise in die Aufgaben eines römischen Bürgers hineinwuchsen.

Zwei Kinder spielen in Tuniken auf der Straße, das Kind in der Mitte wirft Sand in die Luft
© A. Achsnit, editiert mit ChatGpt

Spielende Kinder auf den Straßen Carnuntums - © A. Achsnit (Gesichter der Kinder mittels OpenAI unkenntlich gemacht)

Kinder in Unfreiheit

Nicht alle Kinder genossen dieselben Möglichkeiten. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung Carnuntums bestand aus Sklavinnen und Sklaven. Auch deren Kinder wuchsen innerhalb der Haushalte ihrer Besitzer auf. Für Sklavenkinder hing das gesamte weitere Leben von den Entscheidungen ihrer Eigentümer ab. Manche wurden gemeinsam mit den Kindern ihrer Herren erzogen und übernahmen später spezialisierte Tätigkeiten im Haushalt oder Handwerk. Andere mussten bereits früh arbeiten oder wurden verkauft. Dennoch zeigen antike Quellen, dass viele Besitzer sogenannte vernae – im Haushalt geborene Sklavenkinder – durchaus schätzten, da sie von Geburt an in die Strukturen des Hauses eingebunden waren.

Kopf einer Puppe mit rundlichem Gesicht und abstehenden Ohren. Im Inneren des Köpfchens befinden sich kleine Steinchen, die beim Schütteln ein rasselähnliches Geräusch erzeugen. Rote Farbspuren, abgewetzte Oberfläche.
© Landessammlungen NÖ

Puppenköpfchen aus Keramik (Inv.-Nr. CAR-K-3548) - © Landessammlungen NÖ

Archäologische Funde aus Carnuntum

Kinder hinterlassen in der archäologischen Überlieferung deutlich weniger Spuren als Erwachsene. Repräsentative Grabdenkmäler sind meist mit Erwachsenen verbunden. Dennoch gelingt es der modernen Archäologie zunehmend, die jüngsten Mitglieder antiker Gesellschaften sichtbar zu machen. Manche Grabinschriften liefern Informationen über Namen, Alter und soziale Stellung während Spielzeugfunde, Miniaturgefäße, kleine Schuhe oder Schmuckstücke ebenfalls auf Kinder hinweisen können.

Eine wichtigste Quelle stellen u.a. auch menschliche Überreste dar. Anhand von Zahnentwicklung und Knochenwachstum lässt sich das Sterbealter oftmals einschätzen. Ein außergewöhnlicher Fund stammt aus dem Bereich eines spätantiken Abwasserkanals in der Zivilstadt von Carnuntum. Dort konnten die Überreste von insgesamt 31 Kleinstkindern nachgewiesen werden – darunter vier Föten und 27 Neugeborene. Der Kanal war gegen Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. aufgegeben worden und wurde später als Ablagerungsort genutzt. Solche Befunde sind aus verschiedenen Teilen des Römischen Reiches bekannt. Säuglinge und Kleinstkinder wurden häufig nicht auf den regulären Gräberfeldern bestattet, sondern innerhalb der Siedlungen. Die Gründe hierfür werden bis heute diskutiert. Möglicherweise spiegeln sie besondere Bestattungssitten wider, die mit der hohen Säuglingssterblichkeit und der noch nicht vollständig vollzogenen sozialen Integration der Neugeborenen zusammenhingen.

Römische Grabstele, rechteckiger Stein mit Inschrift
© Landessammlungen NÖ

Die Grabstele des Gaius Arruntius Lentulus erinnert an eine Familie, die durch den frühen Tod zweier kleiner Kinder und der Ehefrau auseinandergerissen wurde. Errichtet von Gaius Arruntius Ingenuus, ist sie ein berührendes Zeugnis von familiärer Liebe, Verlust und dem Wunsch, den Verstorbenen dauerhaft ein ehrendes Andenken zu bewahren:

C(aius) Arruntius / C(aii) f(ilius) Lentulus / an(norum) V et C(aius) Arr/untius C(aii) f(ilius) / Ligus an(norum) III h(ic) s(iti) s(unt) / et Varena C(aii) f(ilia) / Candida an(norum) XXXV / C(aius) Arruntius Ingenuus / fili(i)s et coniugi p(osuit)

"Gaius Arruntius Lentulus, der Sohn des Gaius, mit 5 Jahren gestorben, und Gaius Arruntius Ligus, der Sohn des Gaius, mit 3 Jahren gestorben, und Varena Candida, die Tochter des Gaius, mit 35 Jahren gestorben, sind hier begraben. Gaius Arruntius Ingenuus hat das Grabmal für die Kinder und die Ehefrau errichtet." (Übersetzung: Ubi Erat Lupa)

Inv.-Nr. CAR-S-942 - © Landessammlungen NÖ
 

Kindheit als Spiegel der Gesellschaft

Die Kinder Carnuntums erzählen weit mehr als individuelle Lebensgeschichten. Sie erlauben Einblicke in Familienstrukturen, soziale Unterschiede, Gesundheitszustand, Ernährung und religiöse Vorstellungen einer antiken Metropole an der Donaugrenze. Auch wenn sie nur wenige archäologische Spuren hinterlassen, sind diese umso mehr von besonderem Wert. Sie erinnern daran, dass das Leben in Carnuntum nicht nur von Erwachsenen geprägt wurde, sondern auch von Tausenden Kindern, die hier geboren wurden, spielten, lernten und aufwuchsen.

Kinder spielen Orca in der Portikus im Römischen Stadtviertel, Mädchen wirft Stein in eine Schüssel, Kinder haben Tuniken an
© T. Mauerhofer
    Kinder verkleidet als Römer spielen römische spiele
    Sa, 20. Juni 2026
    08:50 Uhr

    Kinderfest

    Am 20. und 21. Juni 2026
    Rekonstruiertes Stadtviertel
    15
    Kinder verkleidet als Römer spielen römische spiele
    So, 21. Juni 2026
    08:50 Uhr

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    Am 20. und 21. Juni 2026
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